Interview zum Hölderlin-Jahr

"Hölderlin wird von ganz entgegengesetzten Seiten vereinnahmt"

Stefan Hupka und Bettina Schulte

Von Stefan Hupka & Bettina Schulte

Sa, 21. März 2020

Literatur & Vorträge

BZ-Plus Am 20. März vor 250 Jahren wurde der schwäbische Dichter Friedrich Hölderlin geboren. Wir sprachen mit dem Freiburger Autor Karl-Heinz Ott und dem Marbacher Hölderlin-Kurator Thomas Schmidt über die Vereinnahmung des Dichter von Rechten wie Linken und über seine poetische Mission.

BZ: Herr Ott, Herr Schmidt, warum sollten junge Leute heute Hölderlin lesen?

Ott: Weil einen seine Sprache bannen kann und sie einen unverwechselbaren Ton besitzt. Seit Hölderlin haben wir Wortballungen wie "heilignüchtern", "göttlichschön", "froh vollendet".
Schmidt: Weil Hölderlin selbst immer jung bleibt – mit seiner Suche, mit einer Unbedingtheit, die in unseren pragmatischen Zeiten nicht oft begegnet, jedenfalls nicht bei den Shootingstars der Social Media. Einer, der aus der Reihe tanzt, ist ein wichtiges und spannendes Rollenbild. Zudem ist es das Modellieren der Sprache. Durch die Jugend erfährt die Sprache laufend eine Erneuerung. Dass das auch durch ungewöhnliche Mittel passieren kann, kann man sich bei Hölderlin abschauen.

BZ: Woher die Faszination der Deutschen für Hölderlin?
Ott: Hölderlin wird von ganz entgegengesetzten Seiten vereinnahmt. In Carl Schmitts Tagebuch findet sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Eintrag, mit Hölderlin sei das optimistisch-ironische Zeitalter Goethes zu Ende gegangen, mit Hölderlin das pessimistisch-tragische eingekehrt. Hölderlin wird Anfang des 20. Jahrhunderts erst richtig entdeckt durch Norbert von Hellingrath, der erklärt: Vergesst den oberflächlichen Goethe, der wahre Dichter der Deutschen ist Hölderlin. Nur er besitzt Tiefe. Heidegger verkündet zum Auftakt einer Hölderlin-Vorlesung: Goethe ist leeres Reimgeklingel.
Schmidt: Hölderlin ist zuallererst der Dichter der Dichter – mit seiner poetischen Unbedingtheit und seiner Überzeugung, dass Sprache in die Welt hineinwirkt. Zu den Deutschen, die ihn in der Nazi-Zeit als vaterländischen Dichter vereinnahmten, ging er in seiner Hyperion-Scheltrede "So kam ich unter die Deutschen" deutlich auf Distanz.

BZ: Nicht ironisch, sondern tragisch, sagen Sie. Hatte Hölderlin Humor?
Ott: Insofern Humor in Deutschland gern mit Stammtischgelächter gleichgesetzt wird, wäre die Abwesenheit von Humor nicht schlimm. Aber man kann tatsächlich sagen: Witz besaß Hölderlin nicht. Es finden sich bei ihm Stellen, wo er über das Lachen klagt. Adorno und Horkheimer berufen sich in ihrer "Dialektik der Aufklärung" auf Hölderlin, als sie das Lachen als Anpassung an die Verhältnisse brandmarken. Bei Goethe gibt es reichlich Witz, ...

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