"Holzbau wird große Zukunft haben"

Jürgen Meßmer

Von Jürgen Meßmer

Di, 08. Dezember 2020

Haus & Garten

BZ-INTERVIEW: Reiner Probst von der Architektenkammer Freiburg über das Entwerfen, Planen und Bauen mit Holz.

Wenn von moderner Architektur die Rede ist, denken viele an Materialien wie Stahl, Glas und Beton. Als Baustoff der Zukunft gilt aber Holz. Weshalb eines der ältesten Konstruktionsmaterialien der Welt wieder so in ist, darüber hat Jürgen Meßmer mit Reiner Probst von der Architektenkammer Freiburg gesprochen.

BZ: Der Holzbau stand lange für einen eher rustikalen, ja spießigen Baustil, nun gilt er als modern. Was sind die Gründe dafür?
Reiner Probst: Holz als uralter Baustoff hat in allen Epochen seinen Platz gehabt, und der Holzbau ist auch immer zu einer Art Konvention mit regionaler Prägung geworden. Man denke etwa an das Schwarzwaldeindachhaus oder die Holzhäuser Skandinaviens. Der Holzbau hat sich aber auch technisch weiterentwickelt und steht heute wie keine andere Bauweise für umweltfreundliches und nachhaltiges Bauen. Auch angeregt durch Beispiele aus der Schweiz und Österreich ist zusammen mit dem in solider Handwerkstradition stehenden Zimmerhandwerk eine bemerkens- und sehenswerte Bewegung hinein in die Moderne entstanden.
BZ: Welche technischen Weiterentwicklungen gab es?
Probst: Im Holzbau hat sich in jüngerer Zeit jede Menge getan. Durch den Einsatz von CAD in Entwurf und Planung sowie computergestützter Maschinen in der Fertigung sind vielfältige Formen und präzise Verfertigung möglich, Brettstapeldecken und Brettsperrholzelemente verbessern Schallschutz und die Wandaufbauten sind in ihrer vielschichtigen Aufbauten energetisch hochwertiger geworden. Heute sind nicht nur Einfamilienhäuser und gereihte Wohnbauten in reiner Holz- oder Hybridbauweise entstanden, auch Kindergärten, Versammlungsgebäude, Sporthallen konnten sich durchsetzen. Selbst mehrgeschossige Wohngebäude können in Hybridbauweise (wobei Treppenhaus und Aufzugsschächte massiv sind und alles andere aus Holz) oder als reine Holzbauten errichtet werden – so etwa in der ehemaligen ECA-Siedlung der Stadtbau in Freiburg. Der aktuell höchste reine Holzbau mit 85 Meter Höhe und 18 Stockwerken steht im norwegischen Brumunddal – auch Treppenhäuser und Aufzugsschächte sind da aus Holz.
BZ:
Aber schränkt die Festlegung auf einen bestimmten Baustoff den Architekten in seiner gestalterischen Freiheit nicht sehr ein?
Probst: Die Aufgaben, die Architekten und Architektinnen lösen müssen und lösen, sind technisch sicher mit unterschiedlichen Materialien erreichbar. Wenn auch aus ökologischen Gründen Holz benutzt werden soll, ist dies keine Einschränkung, sondern eine Herausforderung. So etwa beim Wasserpark Rulantica in Rust, wo eine Fläche mit 87 Meter langen Holzfachwerkträgern überspannt werden musste, oder auch beim Naturparkhotel Waldfrieden in Herrenschwand, das den Gästen eine authentische Holzatmosphäre bietet, in der sie sich entspannen und wohlfühlen können.
BZ: Eröffnet Holz auch besondere gestalterische Möglichkeiten?
Probst: Aber ja, nicht nur die Möglichkeiten gestalterischer Profilierungen, auch der Umstand, dass Holz frisch und nach Natur riecht, dass es lebt und mit der Zeit eine natürliche Patina ansetzt, lässt die gestalterische Kreativität des Planers geradezu erblühen. Auch die technische Möglichkeit der Vorfertigung in der Werkstatt und das Aufrichten manchmal an einem Tag sind Herausforderungen für präzises Arbeiten.
BZ: Was unterscheidet die Arbeit mit Holz von der mit einem anderen Baustoff? Kann jeder Architekt, jede Architektin Holzbau?
Probst: Entwerfen und Planen mit Holz ist sicher aufwendiger und setzt vielfältige Kenntnisse voraus, die sich jeder beauftragte Planer in Zusammenarbeit mit den Handwerkern erarbeiten muss und auch will. An den Hochschulen werden den Studierenden aber auch immer mehr Fachrichtungen für den Holzbau angeboten. Das ist anspruchsvoll, aber lohnend. In Baden-Württemberg gibt es inzwischen drei Lehrstühle für Holzbau mit Professuren für Architektur und Tragwerksplanung in Stuttgart, Biberach und Mosbach
BZ: Glauben Sie persönlich, dass die Bedeutung des Holzbaus weiter zunehmen wird?
Probst: Gerade die Nachhaltigkeit des Materials Holz, dessen regionale Verfügbarkeit und die hervorragende CO2- und Energiebilanz auch bei der Herstellung und Entsorgung werden meines Erachtens dem Holzbau eine große Zukunft bescheren.
BZ: Die Freiburger Kammer bereitet aktuell eine neue Broschüre mit beispielhaften Holzbauten im Kammerbezirk vor. Was zeichnet diese Bauten aus?
Probst: Mit der Broschüre wird die Leistungsfähigkeit aller am Holzbau beteiligten Planer, Ingenieure und Handwerker dargestellt und über die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten des Baustoffs informiert. Vorgestellt werden Beispiele aus den Bereichen Wohnen, Bildung, Gewerbe, Tourismus und öffentliche Bauten aus dem ländlichen Raum wie auch aus Städten. Auswahlkriterien waren ansprechende Gestaltung, Planung und Ausführung nach den Regeln der Holzbaukunst; die Bauten sollten zeitgemäß und zukunftsorientiert sein und sich regionaltypisch in den jeweiligen ländlichen oder städtischen Raum einfügen. Eingereicht wurden annähernd 300 realisierte Projekte, von denen ein interdisziplinäres Gremium 100 ausgewählt hat.

Zur Person: Dipl.-Ing. Reiner Probst ist Freier Architekt und Stadtplaner BDA DWB in Freiburg und stellvertretender Vorsitzender des Kammerbezirks Freiburg/Südbaden der Architektenkammer Baden-Württemberg.