Koblenz

"Ich bin verrückt nach Dir": Ein Archiv sammelt Liebesbriefe

Nina Witwicki

Von Nina Witwicki

So, 10. Januar 2021 um 19:04 Uhr

Kultur

Klassische Liebesbriefe sind etwas aus der Mode gekommen. Doch unermüdlich sammelt und analysiert die Literaturwissenschaftlerin Eva Lia Wyss Liebeserklärungen aus mehreren Jahrhunderten.

Den ersten Liebesbrief vergisst man nicht, auch wenn er nur auf das Wesentliche beschränkt ist und der Junge, der ihn zusteckt, sich sofort wieder davon stiehlt. In krakeliger Schrift und schlechter Rechtschreibung ist zu lesen: "Ich liebe dich. Du mich auch? Willst Du mit mir gehen? Kreuze an: Ja, Nein, Vielleicht". Das Herz zerreißt schier die Brust, die Hände sind schweißnass und da ist zum ersten Mal dieses unbeschreibliche Kribbeln im Bauch.

20.000 handgeschriebene Briefe und 14.000 digitale Liebeserklärungen

Liebesbriefe sind ein emotionales Abbild der Gesellschaft, in der sie entstehen und zeigen das Verhältnis der Geschlechter. Es gehört viel Mut dazu, einen Liebesbrief zu schreiben, sich der Person seines Herzens zu öffnen und verwundbar zu zeigen. Umso erstaunlicher ist es, diese Briefe der Nachwelt zu hinterlassen: An der Universität Koblenz-Landau liegt das einzige deutschsprachige Archiv, das sich ausschließlich Liebesbriefen widmet. Die Schweizer Sprachwissenschaftlerin und Professorin Eva Lia Wyss hat ihre Sammlung 1997 begonnen und ist nach all den Jahren noch immer fasziniert von ihren Forschungsobjekten. Das Archiv beherbergt Materialien aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert. Darunter rund 20.000 handgeschriebene Briefe und 14.000 digitale Liebeserklärungen in Form von SMS, Chats und E-Mails. Wyss untersucht nicht nur, wie sich das Schreiben über die Liebe in den vergangenen zwei Jahrhunderten verändert hat, sondern auch die Intimität in Beziehungen.
Liebling!
Kannst du dir vorstellen dass wir einmal zusammen tanzen werden, ach ganz herrlich müsste es sein.
Bei zärtlicher Musik selbst zärtlich sein, ach Baby ich habe nur aus Spielerei das gemalt und warum ich dir das schreibe weiß ich nicht.
Ach ich würde dir jeden Tag einen Brief an dich schreiben und auch von dir immer gern einen bekommen, du schreibst so nett und beinahe rührend und ich wünsche mir zu Sylvester wenn das neue Jahr beginnt, dass wir uns recht bald wiedersehn, denn dann muss es doch in Erfüllung gehn und die Glücksgöttin Frau Fortuna nimmt es in ihrer Weinlaune auch nicht so genau.
Also Rosi ein recht frohes Neujahr.
Heil Silvester!
Dein Heinrich*
Von 22.12.1938

"Mit Liebesbriefen hatte sich in der Forschung damals kaum jemand beschäftigt und mich hat die Darstellung von Emotionalität schon immer in ihren Bann gezogen. Also habe ich Annoncen in Zeitungen geschaltet, damit mir Menschen ihre Briefe für eine wissenschaftliche Sammlung zuschicken", erklärt die Sprachwissenschaftlerin. Innerhalb weniger Monate erreichten sie 2000 Briefe, mal von den Autoren selbst, mal von Enkeln oder Kindern, die die Briefe ihrer Vorfahren auf dem Dachboden fanden. "Menschen wollen Liebesbriefe nicht einfach wegschmeißen, wissen aber nicht, was sie damit tun sollen. Also schicken sie sie mir." Mittlerweile entstand aus den Archivalien eine Vielzahl von Forschungsarbeiten. Die Anonymität der Briefeschreiber bleibt dabei immer gewahrt.

"Das aufrichtigste, offenste und privateste Produkt des menschlichen Verstandes und Herzens ist ein Liebesbrief", notierte der Schriftsteller Mark Twain in seiner Autobiographie. In einem Liebesbrief vereinen sich Liebe, Sehnsucht, Schmerz und bei einer Trennung auch Hass. Das ist einer der Gründe, warum Eva Lia Wyss ihre Arbeit mit den Briefen so sehr liebt. Nach all den Jahren öffne sie die Liebesbriefe noch immer sofort. "Es sind sehr bewegende, aber auch lustige Briefe darunter. Es ist einfach toll, wie Menschen schreiben."

"Brautbriefe" waren einst ein Muss

Seit Jahrhunderten werden Liebeserklärungen geschrieben, doch erst in der Romantik Ende des 18. Jahrhunderts griffen immer mehr Menschen zur Feder. "Die sogenannten ‚Brautbriefe‘, die man sich in der Zeit der Verlobung schrieb, wurden im ausgehenden 19. Jahrhundert sogar ein gesellschaftliches Muss", erklärt Wyss. Die Autoren wählten ihre Worte in den Briefen mit Bedacht, ebenso das Papier und die Tinte.

Da unverheiratete Männer und Frauen sich in der Regel nicht ohne Aufsicht einer weiteren Person treffen konnten, waren Liebesbriefe lange Zeit die einzige Möglichkeit, Intimität auszuleben, die Beziehung zu stärken und sich über Gefühle auszutauschen. In den Briefen sprachen sie über Hochzeitsvorbereitungen und darüber, wie sich das gemeinsame Leben in der Zukunft gestaltet – der damaligen Hierarchie der Geschlechter entsprechend. Frei nach Sigmund Freud in seiner Verlobungskorrespondenz um 1880: "Sei mein, wie ich mir’s denke".
Liebe Marie,
ich weiss nicht wie es kam, aber ich habe mich in dich verliebt. Es ist nicht ein gewöhnlicher Flirt wie mit Elsbeth. Ich bin wirklich richtig verknallt in dich. Nun will ich dich fragen, ob du auch für mich etwas empfindest? (…) WANN können wir uns treffen?!! Ich halte es fast nicht aus! Wenn du mich anschaust vergehe ich fast! (…)
In inniger Liebe,
Sebastian*
Vom 06.12.1974

In der Ehe selbst sei zu dieser Zeit nur selten ein Liebesbrief geschrieben worden, sagt Wyss. Mit einer Ausnahme: Eine lange Trennung durch einen Kriegseinsatz. Feldpostbriefe aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gebe es häufig, erklärt die Sprachwissenschaftlerin. Darin beteuern die Liebenden trotz Distanz nicht nur ihre tiefen Gefühle füreinander, sondern erzählen von Erlebtem in den Wirren des Krieges und von der Hoffnung, sich bald wieder in die Arme schließen zu können.

In der Forschung wird davon gesprochen, dass es sich bei Feldpostbriefen hauptsächlich um Liebesbriefe handle. Die romantische Liebe sei dazu benutzt worden, die Soldaten zum Durchhalten zu bewegen und sich gegenseitig Mut zu zusprechen, um das Grauen zu überstehen. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurden Frauen an der "Heimatfront" daher dazu aufgerufen, auch ihnen unbekannten Männern an der Front zu schreiben, um Brieffreundschaften aufzubauen. Es kam zu einer Blütezeit der Liebesbriefe.

"Der gesellschaftliche Wandel der vergangenen Jahrhunderte, sowohl in sozialer Hinsicht, aber auch in technologischer und linguistischer, lässt sich in Liebesbriefen sehr gut lesen." Eva Lia Wyss
"Der gesellschaftliche Wandel der vergangenen Jahrhunderte, sowohl in sozialer Hinsicht, aber auch in technologischer und linguistischer, lässt sich in Liebesbriefen sehr gut lesen", erklärt Eva Lia Wyss. Dass sich gesellschaftliche Entwicklungen in Liebesbriefen widerspiegeln, zeigt sich beispielsweise beim Thema Sexualität. Ende des 19. Jahrhunderts deuteten Autoren Sex in Liebesbriefen nur durch vage Formulierungen an, wie: "Ich sehne mich nach Deinen Küssen" oder "ich bin verrückt nach Dir". Später folgen explizitere Formulierungen.

In dem Brief eines Mannes aus der Sammlung Frauennachlässe des Instituts für Geschichte der Universität Wien heißt es 1945: "Was soll ich Dir noch schreiben? Dass ich mich freue, ganz schrecklich auf dich freue, Sehnsucht nach Dir habe und heute besonders aufgelegt wäre für eine unserer schönen Stunden." Im Zuge der sexuellen Revolution 1968 wird das Schreiben über Sexualität freier. Viele junge Menschen verabschieden sich von gesellschaftlichen Konventionen. Unverheiratete Paare ziehen zusammen und Frauen emanzipieren sich. Ein Mann schreibt 1980, ebenfalls in einem Brief der Universitäts-Sammlung in Wien: "Die Sonne kommt durchs Fenster, ich träume Tränen, Gefühle wechseln blitzschnell. Auf einmal durcheinander, deine Muschel, möchte aus ihr trinken. (...) Ruhe, an deiner Brust saugen, albern, Pläne schmieden, Kopf anrennen – lachen. (...) Kaum berühren. Nur ansehen – und wissen: Liebe."
Franziska,

Sie hatten, so glaube ich, über die vergangenen Ostertage einige unangenehme und allzu scharfe Blicke zu ertragen.
Darf ich mich auf diese Weise bei Ihnen entschuldigen und Ihnen zugleich versichern, dass sie aus einem von Sturm und Drang erfüllten Herzen entsprangen.
Sie haben mich tief begeistert und entzückt. Gleich bei unserer ersten Begegnung in der Kirche fühlte ich etwas in mir, was man landläufig Liebe auf den ersten Blick nennt. Und sie wurde vertieft durch einige lächerlich scheinende Umstände: etwa die vollendete Harmonie ihrer blonden Haare mit dem braunen Regenmantel, oder Ihr hochgeschlossenes Kleid – Rock oder Bluse, was weiss ich? – das so sittsam und ruhig im Spiel mit den Haaren einen trefflichen Rahmen zum Gesichte bildete, oder auch das Kleine, dünne Kettchen, an dem als einiger Schmuck ein schmales Kreuzchen hing, alle diese äussern Merkmale einer klaren, vollendeten innern Haltung waren es, die mich entflammten.
Das war am Freitag. Die folgende Nacht schlief ich schlecht, von Träumen und Bildern gequält.
Samstag abends fiel die Entscheidung. Ich kam von der Kommunionsbank zurück und empfing von Ihnen einen Blick, ich weiss nicht, er war so tief und doch so geheimnisvoll, so herrlich und doch irgend wie fragend. Meine Andacht war vorher schon gestört gewesen, nun war sie dahin.
(…) Ich schilderte Ihnen, Franziska, in aller Offenheit meine Gedanken und Empfindungen.
Antworten Sie mir bitte in der gleichen Offenheit, wenn Ihnen die ganze Geschichte nicht lächerlich vorkommt und in Ihnen vielleicht eine ähnliche Zuneigung aufgekeimt ist.
Und ich weiss dann, dass Sie mich so verstehen, dass ich Ihnen so vertrauen, dass ich Sie so – lieben darf, wie mir die Osternacht das zeigte.
Ihr Peter*
Vom 19.4.1954

Eine weitere Veränderung zeigt sich über die Jahrhunderte in der Sprache der Liebe, sagt die Sprachwissenschaftlerin. Sie werde sachlicher und direkter. Briefe würden immer mehr aus einem spontanen Akt der Leidenschaft heraus geschrieben. Eva Lia Wyss erklärt sich diesen Wandel unter anderem mit den immer größeren Möglichkeiten, sich persönlich zu treffen, sich zu unterhalten und somit direkte Intimität zu schaffen. Mit der Erfindung des Telefons, des Internets, der Handys und Social Media werden Liebesbriefe auf Papier seltener. SMS, Kurznachrichten, Smileys, E-Mails oder schlicht Nachrichten erreichen den Flirt, den Partner immer und überall – innerhalb weniger Sekunden. "Die Funktion von Liebesbriefen hat sich verändert. Das bedeutet aber nicht, dass sie heute schlechter sind als damals. Sie sind schlicht anders", sagt Wyss.
Quellen der Briefe

Eva Lia Wyss: Leidenschaftlich eingeschrieben. Schweizer Liebesbriefe. Nagel und Kimche, Haar 2006. Signatur: Liebesbriefarchiv 662, 380, 495. (*Namen in allen Briefen sind geändert.)

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