Skandal um Corona-Infektionen

Im Profil: Der Fleischfabrikant Clemens Tönnies

Andreas Morbach

Von Andreas Morbach

Fr, 26. Juni 2020 um 19:20 Uhr

Deutschland

Konzernchef Clemens Tönnies, zugleich Aufsichtsratsboss von Krisenclub Schalke 04, steht mehr denn je in der Kritik, nachdem es in einer Fleischfabrik zu massiven Corona-Infektionen gekommen ist.

Beim FC Schalke 04 herrscht Sehnsucht – Sehnsucht nach der Sommerpause und nach Veränderung. Seit Mitte Januar hat der Fußball-Bundesligist aus Gelsenkirchen, der am Samstag zu Gast beim SC Freiburg ist, kein Spiel mehr gewonnen. Die Corona-Krise strapazierte auch die finanzielle Situation des Klubs. Trainer David Wagner bekannte: "Wenn wir das Spiel in Freiburg gespielt haben, können wir froh sein, dass die Saison zu Ende ist."

Im Leben von Clemens Tönnies (64) spielte Freiburg im April 2014 eine wichtige Rolle. In der hiesigen Uniklinik wurde dem Chef des Schalker Aufsichtsrats damals ein Tumor aus der linken Niere entfernt. Der Tumor konnte komplett beseitigt werden, und Tönnies erklärte erleichtert: "Wenn man so eine Diagnose erhält, ist man wie vor den Kopf gestoßen. Ich habe mich entschlossen, konsequent gegen die Krankheit anzugehen."

Lockdown im Kreis Gütersloh

Sein vier Jahre älterer Bruder Bernd war 1994 nach einer Nierentransplantation an den Folgen einer Lungeninfektion gestorben – fünf Monate, nachdem er von der Schalker Mitgliederversammlung zum Präsidenten gewählt worden war. Am Sterbebett seines Bruders soll Clemens Tönnies damals das Versprechen abgegeben haben, sich nicht nur um dessen 1971 gegründetes Fleisch-Unternehmen zu kümmern, in das er selbst 1982 eingestiegen war. Sondern auch um die Geschicke von S04.

Derzeit steht Clemens Tönnies, seit 2001 Chef des Schalker Aufsichtsrats, vor allem durch seinen Hauptjob in Rheda-Wiedenbrück im Fokus der Öffentlichkeit – nachdem es in der Belegschaft des Fleischkonzerns, dessen geschäftsführender Gesellschafter er ist, zu massenhaften Infektionen mit dem Coronavirus gekommen war. Um eine schnelle Ausbreitung des Virus in die Bevölkerung zu verhindern, wurde das Leben von 640.000 Menschen in den Kreisen Gütersloh und Warendorf stark eingeschränkt; es kam zu einem lokalen Lockdown. Tönnies’ eigener Neffe Robert, 50-Prozent-Eigner des Unternehmens, forderte die Geschäftsleitung und die verantwortlichen Beiratsmitglieder in der vergangenen Woche zum geschlossenen Rücktritt auf.

Tönnies ist für Aufreger bekannt

Sein Onkel Clemens sah sich parallel dazu mit Vorwürfen des Landkreises Gütersloh konfrontiert, bei der Aufklärung unkooperativ zu sein. Der zuständige Fachbereichsleiter im Kreis berichtete, die Firma Tönnies habe zunächst Listen der Beschäftigten geliefert, auf denen bei 30 Prozent die Wohnanschriften fehlten. Am Donnerstag erklärte der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann in einer Sondersitzung des Gesundheitsausschusses, es könne nach eigenen Angaben nicht ausgeschlossen werden, dass manche Tönnies-Mitarbeiter nicht auf Corona getestet wurden.

40 Kilometer südöstlich von Rheda-Wiedenbrück hatte Clemens Tönnies im August 2019 schon mal für einige Aufregung gesorgt. Als Festredner beim "Tag des Handwerks" in Paderborn verknüpfte er seinen Gedanken, Deutschland solle zur Bekämpfung des Klimawandels den Bau von Kraftwerken in Afrika finanzieren, mit der Bemerkung: "Dann hören die auf, die Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren." Seine Aussage bezeichnete der gelernte Fleischtechniker später selbst als "töricht", erklärte – nachdem er sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender von S04 für drei Monate hatte ruhen lassen – aber auch, er sei falsch verstanden worden.

Viele Schalke-Anhänger sind gegen Tönnies

Der Ehrenrat des Klubs sprach Tönnies damals vom Vorwurf des Rassismus frei. Die Richterin Kornelia Toporzysek, erst wenige Monate im Amt, trat kurz darauf aus dem Gremium zurück. Und jetzt, ein Dreivierteljahr später, wollen 2000 Schalke-Anhänger während der Partie ihres Teams in Freiburg am eigenen Stadion zu einer Demonstration zusammenkommen. Sie stellen sich auch gegen Tönnies.

"Die elementaren Probleme unseres Vereins liegen nicht auf dem Platz. Sowohl Vorstand als auch Aufsichts- und Ehrenrat haben sich in jüngster Vergangenheit mehr als einen Fehltritt geleistet", heißt es in einer Erklärung mehrerer Fanorganisationen. Speziell mit Blick auf die aktuelle Welle von Corona-Fällen in dem weltweit agierenden Fleischkonzern Tönnies mit 7,3 Milliarden Euro Jahresumsatz lautet das markige Motto der Anhänger: "Schalke ist kein Schlachthof! Gegen die Zerlegung unseres Vereins."