Islamkonform

In deutschen Supermärkten steigt das Angebot an Halal-Produkten

Esra Ayari  und Martina Philipp

Von Esra Ayari (dpa) und Martina Philipp

Di, 14. Januar 2020 um 16:06 Uhr

Wirtschaft

Die Fleischindustrie steckt im Wandel. Neben Bio- und Tierwohl-Siegeln sind öfter Halal-Siegel zu sehen. Die genaue Definition ist allerdings auch unter Muslimen umstritten.

Mit weißer Schrift auf rotem Grund prangt der Name seit Januar 2019 auf dem Krefelder Eishockey-Stadion: Yayla-Arena. Yayla ist ein Hersteller von Fleischprodukten, die gemäß islamischen Vorgaben hergestellt wurden, also "halal" sind. Mit dem Erwerb der Namensrechte will das Unternehmen sichtbarer werden. "Wir sind bei Türkeistämmigen international bekannt, aber die Deutschen um die Ecke kannten uns nicht", erklärt Yayla-Sprecherin Buket Ünal. "Das wollten wir ändern." Das Ziel des Herstellers: In deutschen Supermarktregalen soll künftig ganz selbstverständlich auch die Halal-Wurst liegen.

Es ist kein kleiner Markt. Der Kölner Fleischproduzent Egetürk, nach eigenen Angaben Marktführer für Halal-Fleischprodukte in Deutschland, setzte 2017 130,5 Millionen Euro um. Im Ranking der Allgemeinen Fleischer-Zeitung der Top-Unternehmen in der deutschen Fleisch- und Fleischwarenindustrie kommt das Unternehmen damit auf Platz 65. Das bedeutete einen Sprung nach vorn von 15 Plätzen binnen eines Jahres.

Große Nachfrage bei

der Schwarzwaldmilch

Auch deutsche Hersteller haben den Halal-Markt für sich entdeckt. Deutschlands größter Fleischproduzent Tönnies bietet ebenso Produkte mit Halal-Zertifizierung an wie der Geflügelzüchter und -verarbeiter Wiesenhof. "Mit der Halal-Zertifizierung folgen wir – wie viele weitere Lebensmittelhersteller – dieser Nachfrage", erklärt Wiesenhof.

Die Freiburger Molkerei Schwarzwaldmilch bietet seit knapp zehn Jahren ihre in Offenburg hergestellten Milchpulver-Produkte mit Kosher- und Halal-Zertifikaten an. "Inzwischen sehen das praktisch alle großen Unternehmen in der Schokoladenindustrie, die unsere Kunden sind, als notwendig an", sagt Matthias Köppen, Gesamtverkaufsleiter in Offenburg. In der Lohnherstellung – bei der im Auftrag von Kunden Pulver für Nahrungsmittel, Nahrungsergänzungsmittel und Pharmahilfsstoffe hergestellt werden – , herrsche ein sehr hoher Bedarf, sagt Köppen. Der Grund ist: Wenn Kunden Teile ihrer Endprodukte halal-zertifiziert verkaufen wollen, sei es logistisch ein großer Vorteil, wenn alle Bestandteile halal sind – und man somit keine aufwändige Lagertrennung bei den Rohstoffen betreiben müsse.

Dennoch sind Halal-Produkte in Deutschland noch längst nicht allgegenwärtig. Aldi, Rewe, Lidl, Penny und Edeka bieten sie an einzelnen Standorten an. Aldi Süd beispielsweise testete Anfang Oktober Sucuk, eine Knoblauchwurst nach türkischer Art, in ausgewählten Regionalgesellschaften. Die Wurst wurde halal-konform produziert und entsprechend gekennzeichnet. Die Supermarktketten Tegut und Globus erklärten dagegen auf Anfrage, dass sie keine Halal-Produkte im Sortiment anbieten.

Erschwert wird der Durchbruch wohl auch dadurch, dass die genaue Definition von halal umstritten ist. Halal bedeutet übersetzt eigentlich nur "erlaubt" – Schwein etwa sei verboten, Rind und Geflügel seien erlaubt, erläutert die Theologin Asmaa El Maaroufi. Doch darüber hinaus gelte: "Es gibt nicht die Halal-Schlachtung, sondern Meinungsunterschiede und heterogene Auffassungen unter Muslimen", berichtet El Maaroufi.

Fakt ist, dass in Deutschland das Schächten, bei dem ein Tier ohne Betäubung mit einem Halsschnitt getötet wird, bis auf Ausnahmen verboten ist. "In Baden-Württemberg wurden in den letzten Jahren keine Genehmigungen für das betäubungslose Schlachten erteilt", teilt ein Sprecher des Ministeriums für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz mit. Halal-Produzenten und Händler kaufen geschächtetes Fleisch folglich im Ausland – etwa in Frankreich oder Spanien, wo das Schächten legal ist. Länder wie Österreich oder Griechenland erlauben das Schächten dann, wenn das Tier direkt nach dem Schnitt betäubt wird.

Der Wirtschaftswissenschaftler und Chefredakteur des Fachmagazins Halal-Welt, Kemal Calik, ist überzeugt: Wer als Unternehmen "nicht in den Halal-Markt geht, geht unter." Halal sei ein gutes Geschäft, das zeige sich an vielen neuen Firmen, die sich darauf spezialisierten, und an der Halal-Messe, die 2020 erstmals in Hannover stattfinden soll.

Auch Yayla spürt das wachsende Interesse an Halal-Produkten. Das Unternehmen entstand in den 1960er-Jahren aus der Idee heraus, die Sehnsucht der türkischen Gastarbeiter nach dem Geschmack ihrer Heimat zu stillen. Verkauft wurden die Produkte anfangs nur in türkischen Supermärkten. In klassischen deutschen Geschäften Fuß zu fassen, sei zunächst schwer gewesen. Doch nun wachse das Interesse der Händler spürbar, berichtete Unternehmenssprecherin Buket Ünal.

Außerdem befruchteten sich die Geschmackswelten längst gegenseitig, meint sie. Eines der erfolgreichsten Produkte von Yayla sei eigentlich gar kein Produkt mit türkischem Ursprung, sondern eine deutsche Fleischwurst, die mit türkischen Gewürzen verfeinert wurde. Oder wie Ünal es nennt: "Eine Fleischwurst mit türkischem Hintergrund."