Ein Vogel auf Kurs nach Norden

Sina Gesell

Von Sina Gesell

Mi, 25. Mai 2016

Freiburg

BZ-SERIE "TIERE IN DER STADT" (TEIL 7): Die Freiburger Alpensegler bilden mit rund 150 Brutpaaren die Mutterkolonie im Land.

Als es die Alpensegler in den 50er-Jahren nach Freiburg verschlagen hat, galt das als ornithologische Sensation. Heute gehen Experten von 150 Brutpaaren aus, die sich an rund 50 Gebäuden in der Stadt niedergelassen haben – zum Beispiel an der Hebelschule, wo man die Vögel, die über die Alpen zu uns kamen, via Webcam beobachten kann.

Warum fliegen Alpensegler
in die Stadt?

Die Alpensegler, die Freiburg besiedelt haben, kamen wohl aus der Schweiz, erklärt Matthias Schmidt, Experte beim Nabu für die Vögel mit dem weißen Bauch. Erstmals gesichtet wurden sie als "Sommergäste" in der Stadt 1952, erste Brutnachweise gibt es auf dem Turm der Kirche St. Martin am Rathausplatz. Seither ist ihr Bestand in Freiburg kontinuierlich gewachsen. "Freiburg kann getrost als Mutterkolonie der Alpensegler im Ländle bezeichnet werden", sagt Schmidt.

In der Stadt finden sie alles, was sie brauchen: Nahrung, vor allem Insekten, die sie in der Luft fangen, und auch Schlaf- und Brutplätze. Ihre Nester bauen sie meist in Hohlräumen wie Dachstühlen oder -kästen. Während der Vogel in anderen Bundesländern auf der Roten Liste der gefährdeten Arten steht, wurde er in Baden-Württemberg längst gestrichen – wegen der Freiburger Kolonie, wie Schmidt erklärt. Eine Vereinbarung kommt den Freiburger Tieren zugute: Bei genehmigungspflichtigen Bauvorhaben informiert die Bauverwaltung laut Schmidt die Naturschutzbehörde. Gemeinsam suche man nach einer Lösung, um die Segler nicht zu vertreiben. "Das klappt einwandfrei", sagt Schmidt.

Wo in Freiburg
leben Alpensegler?

Am Hauptgebäude des Polizeipräsidiums an der Bissierstraße hat es sich mit 20 Paaren die wohl größte Kolonie in Freiburg gemütlich gemacht, schätzt Schmidt; auch an einem Personalhaus der Uniklinik an der Lehener Straße geht es ihnen offenbar gut: Dort hatte man Mitte der 90er-Jahre 20 Nisthilfen integriert – "und alle 20 sind besetzt", freut sich Schmidt. Die Segler der Hebelschule kann man seit 2006 auch per Webcam beobachten, zumindest in den Monaten von April bis Oktober. Im Winter suchen sie wärmere Gefilde auf.

Was tun, wenn Alpensegler
eingezogen sind?

"Erst mal sollte man sich freuen", sagt der Naturschützer. Denn der Segler sei ein ganz besonderer Vogel, in seinem Leben fliegt er umgerechnet siebenmal zum Mond und zurück. "Die Schwerkraft ist ihm egal", so Schmidt. Doch gebe es auch immer wieder Konflikte, wenn Menschen und Tiere aufeinandertreffen. "Die Biester können laut sein." Hinzu komme das Kot-Problem. Das Polizeipräsidium habe eine ganz einfache Lösung gefunden: Dort würden nun öfter die Fensterbretter geputzt.

Wer ein Nest am Haus findet, darf es laut Schmidt nicht entfernen, weil es dem Naturschutzgesetzt unterliegt. 2008 hatten Unbekannte im alten Postgebäude an der Heinrich-von-Stephan-Straße fünf Alpensegler-Nester zerstört. Der ehemalige Leiter des Umweltschutzamtes, Dieter Wörner, sagte damals: "Das ist eine sehr traurige Geschichte, der Alpensegler ist ein Juwel für Freiburg."
Vogel-Touristen
und Nordexpansion

Die Alpensegler ziehen auch "Vogel-Touristen" an, wie Schmidt jene Menschen nennt, die extra wegen der Alpensegler Freiburg besuchen. Er führt die ornithologisch interessierten Urlauber an die Hotspots von Freiburg. "Der Alpensegler genießt auf jeden Fall viel Aufmerksamkeit", sagt Schmidt, der davon ausgeht, dass sich die Vögel weiter nach Norden ausbreiten. Bisher befinden sich in Freiburg die nördlichsten Kolonien. Dass Heidelberg oder Mannheim den Rang ablaufen könnte, glaubt Schmidt aber nicht.

Infos und Webcam gibt es auf www. alpensegler-freiburg.de. Lesen Sie am Freitag in unserer Serie über das Wildschwein. Alle bisherigen Folgen finden Sie unter http://mehr.bz/stadttiere