Kein Spielzeug

Felix Lieschke

Von Felix Lieschke

Do, 08. April 2021

Kenzingen

In Kenzingen üben die Rettungskräfte des Landkreises im Kleinen, wie die Einsätze im Großen funktionieren sollten.

. Beim Technischen Hilfswerk in Kenzingen trainieren die Führungsgruppen im Kleinen, was sie später im Großen beherrschen müssen. Die Planspielplatte, eine Modelleisenbahn ohne Eisenbahn, ist einmalig im Landkreis und wird von vielen Rettungsorganisation gern genutzt.

Das Szenario ist dramatisch: Schwerer Unfall auf der Autobahn. Zwei Lkw haben sich an einer Auffahrt übersehen. Der Zusammenstoß ist heftig. Ein Tanklastzug liegt auf der Seite, der zweite Lkw hat sich auf ihn draufgeschoben. Alle Einsatzkräfte, die der Landkreis zu bieten hat, werden alarmiert: Feuerwehr, Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk. Niemand weiß, ob der Tanklastzug in Flammen aufgehen kann, beide Lkw liegen sehr nahe an einem Waldstück.

Für die Rettungskräfte wäre das ein sehr großer Einsatz, erklärt Andreas Fleig vom Technischen Hilfswerk. Fleig ist verantwortlich für diesen Einsatz. Ein paar Minuten vorher hat er die beiden Lkw auf die Seite gelegt, hat das Notarztauto in die erste Reihe geparkt, daneben den Krankenwagen, dann die Fahrzeuge der Feuerwehr und das THW zur Unterstützung. Nach hinten hin sichert ein Fahrzeug der Polizei die Unfallstelle ab, ein alter Zweier Golf.

Wer im Landkreis Emmendingen die großen Einsätze planen will, fängt erstmal ganz klein an. Im Maßstab 1:87. Die sogenannte Planspielplatte des Technischen Hilfswerks Ortsverband Emmendingen steht in Kenzingen. In den 1980er-Jahren hatten die Verantwortlichen beim THW die Idee, diese Platte zu bauen. Herausgekommen ist der Landkreis auf acht Spanplatten, etwa 16 Quadratmeter. Es gibt einen Berg, einen Tunnel, eine Stadt, Bauernhöfe, sogar ein Stück Fluss und einen Deich haben sie geschaffen. Es gibt einen Bahnhof und viel Wald. "Die Möglichkeiten sind groß", sagt Fleig.

Andreas Fleig ist kurz vor der Platte Mitglied des THW geworden, 1980. Teile seiner Ausbildung hat er auf der Planspielplatte absolviert. Heute ist er Zugführer des Technischen Zuges des THW. Federführend ist der Ortsbeauftragte Bernd Schmidt für das Planspiel zuständig. Fleig betreut sie aber hauptsächlich. Und sie ist beliebt: "Im Prinzip ist es nur eine Landschaft, jede Rettungsorganisation kann sich ein Szenario ausdenken", erklärt er. Die Feuerwehren Denzlingen und Teningen seien vor Corona regelmäßig Gast beim THW gewesen, auch die Feuerwehr Elzach habe die Platte schon genutzt. Fleig schließt die Räume dafür auf, stellt alles so zusammen, wie es gewünscht wird und bleibt dann bei den Lehrgängen oft dabei: "Ich kann nur dazulernen", sagt er.

Kein Einsatz ist gleich, jeder ist komplex. Im Falle des Autobahnunfalls müsse man beachten, dass die beiden Lkw sehr dicht am Wald lägen, sagt Fleig. Die Feuerwehr müsste sich so aufstellen, dass keine Gefahr eines Waldbrandes bestünde. Wie parkt man so, dass jedes Einsatzfahrzeug im Notfall wieder abrücken kann? Brennt es irgendwo, qualmt es irgendwo, woher kommt der Wind? Wie muss man die schweren Anhänger bergen? Fragen über Fragen. Nicht alle Abteilungen des THW sind in Kenzingen stationiert, manche Züge müssen aus Breisach oder Lahr angefordert werden.

"Einsätze sind nicht so leicht standardisierbar", sagt Fleig, "umso wichtiger ist es, dass man sich im Kreise der Unterführer verschiedene Szenarien ausdenkt und bespricht". Das Ziel einer solchen Platte ist es, die Einsatztaktik zu simulieren. "Ohne Taktik würde jeder drauflos rennen und irgendetwas machen", sagt Fleig.

Die Pandemie hat den Übungsbetrieb beim Technischen Hilfswerk und bei den Feuerwehren lahmgelegt. Der Kreisfeuerwehrverband nutzt die Platte mittlerweile für ihre Online-Trainings per Webcam. Erst kurz vor den Osterferien haben Kreisbrandmeister Christian Leiberich und Kenzingens Stadtkommandant Lukas Kimmi an ihr simuliert, wie sich kleinere Feuerwehren in der Erstphase eines Einsatzes verhalten sollen. Für den Lehrgang hatten sie sich die städtischen Platten von Andreas Fleig gewünscht.

"Bei der Möblierung und der Ausstattung hat man sich sehr viel Mühe gegeben", sagt Fleig. An manchen Laternen hängen klitzekleine Einbahnstraßenschilder. Es gibt Zivilfahrzeuge, die Einfahrten blockieren können und brennende Holzstapel. Kurz vor Ausbruch der Pandemie im Landkreis sollte die Platte eigentlich modernisiert werden. Viele Modelle sind so alt wie die Platte selbst. Manche Details seien durch das jahrelange Bespielen kaputtgegangen.

In dem Video des Lehrgangs schiebt der Kreisbrandmeister die drei Fahrzeuge des Löschzugs und das Einsatzleitfahrzeug auf das brennende Gebäude in der Hauptstraße. Hinter dem Gebäude ist ein Spielplatz, dahinter eine Kirche, dahinter die Gleise. Eine Kleinstadt. Es ist 5.30 Uhr am Morgen, eine Person ist auf die Straße geflüchtet, aus dem Keller und aus dem Obergeschoss strömt Rauch, dargestellt in Form von Watte.

Es gab schon Versuche mit einer Kamera durch die Straßen zu fahren, um die Sicht aus einem Fahrzeug auf einen Einsatz zu simulieren, erklärt Fleig. Er mag den Blick von oben. Und es sei definitiv anders, als wenn man Bilder nur auf eine Wand projiziert bekomme.