Ausflugstipp

In Neuf-Brisach zeigt das Mausa Streetart hinter dicken Mauern

Pascal Cames

Von Pascal Cames

Do, 07. November 2019 um 21:13 Uhr

Neuf-Brisach

Der Sonntag Die Welt der Streetart hat ein heimliches Zentrum. Seit Frühjahr 2018 wird in Neu-Breisach im Elsass Streetart hinter meterdicken Festungsmauern ausgestellt. Hier kommt die Kunst direkt auf die Wand.

Die 1 900-Seelen Stadt Neuf-Brisach ist zwar wegen ihrer Festung seit 2008 Weltkulturerbe, doch es fehlen Geranien und Gemütlichkeit oder zumindest ein echter "Point of Interest" (POI) wie es in der Fachsprache der Reiseführer heißt. Warum sollte man dieses staubige Nest besuchen? Mittlerweile gibt es einen guten Grund. Zwei völlig in die Streetart vernarrte Menschen haben hier ein Museum mit junger Kunst gegründet. Im Musée Arts Urbains et du Street Art (oder kurz MAUSA) ist Action auf der Wand. Nicht immer müssen es Bunker, Geisterhäuser oder Straßenzüge sein, auch eine Festung verträgt Farbe.

Das Museum ist 1 200 Quadratmeter groß und befindet sich in einem Teil der Festung, die zwischen 1698 und 1704 vom Festungsbaumeister Sébastien Le Prestre de Vauban gebaut wurde. Diese nach bestem Wissen und Können erbaute und mit allen Schikanen ausgestattete Fortifikation sollte Frankreichs Eroberungen absichern. Das Museum ist anders: Zwischen Betrachter und Bild gibt es keinen Sicherheitsabstand, es brummen keine Luftentfeuchter und Knöpfe für interaktive Spielereien sind auch nicht vorhanden. Stattdessen gibt es Rohre für den Abzug (sie sind auf dem begehbaren Grasdach zu sehen) und Bauleuchten als Lichtquellen. Die Substanz ist top, mag der Putz zwar bröckeln, die Festung steht massiv wie ein Fels, wahrscheinlich auch noch die nächsten 300 Jahre.

Es ist um die 15 Grad warm, aber die Luft ist gut. 26 Künstler haben je einen Raum oder eine Fläche in den Gängen bekommen, um sich auszuleben. Die Bilder sind direkt auf die Wand gemalt oder gesprayt und ziehen sich sogar über die Decken, wie ein Strom aus Formen und Farben und Worten. Manche Künstler sind scheinbar überall zu finden, so hat einer mit dem schönen Namen Jaune (Gelb) Männchen mit orangenen Westen auf die Wände platziert, sie bauen und bohren, bekommen aber auch mal ein Bier serviert. Der aus Colmar gebürtige Jérôme Mesnager ist in Frankreich für seine weißen Figuren bekannt, auch in Neuf-Brisach erobern sie akrobatisch die Wände.

So vielfältig Malerei und Objektkunst sind, so vielfältig ist auch die Streetart. Der Brasilianer Crani malt politisch. Seine Indios im Comicstil tragen Sneakers mit drei Streifen und ziehen einen Bollerwagen mit Baum. Vögel, Geldscheine, gemalte und echte Pfeile sowie Uhren im Dalí-Stil machen es lustig, dabei ist diese bunte Welt schon seit Jahrzehnten am Verschwinden. Gleich nebenan besprayt eine Katzenfigur den Mond. Dieser Künstler will ausdrücklich nicht politisch sein, aber natürlich könnte man auch hier zwischen den Zeilen lesen. Kurios ist das von dem Franzosen Seth gemalte Kind mit dem Hammer, das ein Loch in die Wand geschlagen hat, leider ist jetzt auch der eigene Kopf weg. Das Absurde in der Kunst ist hier genauso zuhause wie das Zitat, Micky Maus, Sponge Bob und Audrey Hepburn lassen grüßen. Sogar der Festungsbaumeister ist zu sehen: Christian Guemy alias C215 hat Vauban als freundlichen Hausherrn im Andy-Warhol-Stil verewigt.

Wer durch die Gänge spaziert, wird oft über dieses und jenes staunen und vielleicht auch lächeln, zum Beispiel über den Arbeitstisch eines Künstlers. Das Klischee wird bestätigt, Künstler sind anders ordentlich, aber dafür sind sie halt auch Künstler. Künftig soll sich das MAUSA, stetig vergrößern, Platz ist genug da.
MAUSA, Place de la Porte de Belfort, Neuf-Brisach. Geöffnet Dienstag bis Sonntag, 11 bis 19 Uhr, Eintritt 10 Euro, ermäßigt 8 Euro. Info: mausa.fr. Freitags und samstags finden im Zentrum von Neuf-Brisach Märkte statt.