Arbeitgeber am Limit

In vielen Branchen fehlt Personal – Fünf Beispiele aus Südbaden

Otto Schnekenburger, Stephanie Streif, Ruth Seitz-Wendel, Fabian Sickenberger, Michael Krug und Max Schuler

Von Otto Schnekenburger, Stephanie Streif, Ruth Seitz-Wendel, Fabian Sickenberger, Michael Krug & Max Schuler

Sa, 13. August 2022 um 18:32 Uhr

Südwest

Ob in der Gastronomie, bei der Bahn oder der Pflege: Vielerorts klagen Arbeitgeber über Personalmangel. Das liegt an der Pandemie, aber auch die demographische Entwicklung spielt eine Rolle.

Da in den zurückliegenden zweieinhalb Pandemie-Jahren immer wieder das öffentliche Leben stark eingeschränkt war, wurden an vielen Stellen weniger Mitarbeiter benötigt. Betriebe kündigten ihren Mitarbeitern, die suchten sich anderweitig neue Jobs, fanden diese etwa in der Transportbranche oder bei Lieferdiensten.

Hinzu kommt ein demographischer Wandel der deutschen Bevölkerung, der sich in den nächsten Jahren, in denen geburtenstarke Jahrgänge das Rentenalter erreichen, noch verschärfen wird. Bereits derzeit gehen Jahr für Jahr deutlich mehr Menschen in Rente, als junge Menschen in ihr Berufsleben starten. Auf diese Weise gehen Deutschland Jahr für Jahr hunderttausende potenzielle Arbeitskräfte verloren.

1. Kinderbetreuung in Freiburg

Monatelang unbesetzte Stellen, Ausfälle wegen Krankheit oder Schwangerschaft: Der Personalmangel in Freiburger Kitas spitzt sich zu, es fehlt an Fachkräften für die pädagogische Arbeit. Kita-Träger in der Stadt blicken mit Sorge auf den Herbst – schon jetzt werden Öffnungszeiten vorübergehend oder dauerhaft verkürzt. Zum Beispiel bei Konzept maternal, einem freien Kita-Träger.

Mit extra-langen Öffnungszeiten zwischen 7 und 18 Uhr war die Kita für berufstätige Eltern interessant. Jetzt muss das Betreuungsangebot um eine Stunde verkürzt werden. Auch die Anzahl der Schließtage wird von 10 auf 15 erhöht. Über Monate, heißt es beim Träger, habe man versucht, die Elf-Stunden-Betreuung aufrechtzuerhalten. Doch vergeblich, der Markt gebe einfach nicht mehr Fachkräfte her. Davon, dass sich die Situation entspannt, ist nicht auszugehen.

Die derzeitige Situation bringt es mit sich, dass sich die Arbeitnehmer mehr als zuvor aussuchen können, in welcher Branche sie sich bewerben. Und so sind Berufsgruppen, die im Vergleich zu ihrer hohen Belastung und Verantwortung immer noch verhältnismäßig schlecht bezahlt sind, besonders betroffen. Die Pflegeberufe sind hierfür ein Beispiel.

2. Pflege in Emmendingen

Sie sind am Anschlag, arbeiten am Limit und das schon lange: Die Sozialstationen im Kreis Emmendingen können nicht mehr alle Hilfesuchenden annehmen, sie müssen weinende und oft auch verzweifelte Patienten und Angehörige abweisen oder auf Wartelisten setzen, weil sie einfach nicht mehr genug Pflegekräfte haben – und die, die sie haben, am Ende ihrer Kräfte sind. Kündigungen oder Abwanderungen in andere Berufe sind keine Seltenheit mehr.

Palliativpatienten werden in jedem Fall übernommen, sagen die Sozialstationen, alle anderen Anfragen nur, wenn Kapazitäten da sind. Um auf die angespannte Situation in der ambulanten Pflege im Kreis Emmendingen aufmerksam zu machen, haben sich die sieben kirchlichen Sozialstationen zu einem Verbund zusammengeschlossen und sich an die Bürgermeister und Kirchengemeinden gewandt, um in den Kommunen "Sorgende Gemeinden" zu etablieren. Nach der Vorstellung der Sozialstationen geht es dabei um die gemeinsame Verantwortung von Politik, Pflege und Gesellschaft für die Gestaltung eines guten Zusammenlebens mit Bürgern in schwierigen Lebenssituationen, sprich im Alter, bei Krankheit und auch bei Einsamkeit. Der Dialog hat begonnen, das Problem ist längst da.

3. Gastronomie im Schwarzwald

Gerade in der Gastronomie wurde die Personalkrise dadurch verschärft, dass viele Betriebe im Angesicht der Pandemie auf Neueinstellungen verzichteten. Und nun auf die Schnelle kein Personal finden. Das ist eine Entwicklung, die sich in der Region nicht nur in den Städten zeigt, sondern auch auf den Hütten im Schwarzwald bemerkbar macht. Im Mai verkündeten die damaligen Pächter der Baldenweger Hütte auf dem Feldberg, diese auf unbestimmte Zeit zu schließen.

Seit Anfang Juni ruht der Betrieb der Feldberghütte. Das Restaurant ist seither zu, Übernachtungen sind nicht mehr möglich. Als Grund für den Rückzug nannten die Pächter, die Schwarzwaldhütten UG, den anhaltenden Personalmangel: Mehrmals war die Stelle eines Hüttenmanagers ausgeschrieben worden, doch ein passender Bewerber ließ sich nicht finden. Auch an Servicekräften mangelte es. Deshalb entschloss sich die Schwarzwaldhütten UG zur Schließung. Immerhin: Seit dem 1. August hat die Hütte mit Martin Sütterle und Andrea Brunner neue Pächter. Im Oktober ist die Wiedereröffnung geplant. Dann auch mit genügend Mitarbeitenden, wie Sütterle sagt: "Das Stammpersonal haben wir schon einmal", ist er zuversichtlich.

4. Behörden auf dem Hotzenwald

In der 4500-Seelen Gemeinde Görwihl (Hotzenwald, Landkreis Waldshut) hapert es derweil in der Verwaltung an Personal. Seit Wochen schon schaltet die Gemeinde Anzeigen, in denen sie sechs Mitarbeiter sucht. In Görwihl könnte man Ortsbaumeister werden (der geht zum 1. Mai), oder stellvertretender Kämmerer. Man könnte Christiane Maier im Hauptamt entlasten. Dort sind laut Auskunft der Leiterin derzeit 7,4 Vollzeitstellen besetzt und 2,3 Vollzeitstellen unbesetzt. "Das verändert sich aber demnächst, weil uns eine Person noch im September verlassen wird", sagt Christiane Maier. Dann stehen 6,4 besetzten Stellen 3,3 unbesetzten entgegen.

Im Rechnungsamt der Gemeinde bleibt die Arbeit derzeit auch an weniger Menschen hängen: Dort sind 3,3 Stellen besetzt, eine Vollzeitstelle könnte locker besetzt werden. Dasselbe Bild im Bauhof. Auch hier sucht die Verwaltung händeringend eine Vollzeitkraft. Aber die personelle Unterbesetzung ist das eine. Die wirkt sich doppelt aus, wenn wie zurzeit der Krankenstand auch wegen Corona hoch ist. "Dann muss das von den restlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kompensiert werden", erklärt die Hauptamtsleiterin. Den Fachkräftemangel spüren auch die Verwaltungen. In Görwihl bildet man deshalb selbst aus und geht derzeit dazu über, Quereinsteiger einzuarbeiten.

5. Schwimmbäder am Kaiserstuhl

Von der großen Hitze profitieren müssten schließlich in diesem sonnenreichen Sommer eigentlich die Schwimmbäder. Trotzdem hat etwa das Waldschwimmbad in Breisach derzeit eingeschränkte Öffnungszeiten. "Es geht nicht anders", sagt Schwimmmeister Marco Sennrich. Seit einem Monat kann das Bad nur zwischen 11 und 19 Uhr öffnen. Geplant war eine Öffnungszeit von 9 bis 20 Uhr. "Wir haben aber alle schon jetzt zu viele Überstunden", sagt Sennrich.

Der eingeschränkte Badebetrieb stieß auf gemischte Resonanz bei den Breisacherinnen und Breisachern. "Am Anfang war es schwierig", sagt der Schwimmmeister, der seit 2018 im Bad angestellt ist. Die jetzige Lösung sei aber immer noch besser, als das Bad an einzelnen Tagen ganz zu schließen. Diese Erkenntnis setze sich bei den Badegästen allmählich durch. Neben Krankheitsausfällen auch hier der Grund: der große Fachkräftemangel.

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