Indian Summer auf Estnisch

dpa

Von dpa

Sa, 26. September 2020

Reise

Einsame Strände, Wiesen und Wälder in buntem Farbkleid: Estlands Inselwelt im Herbst erleben /.

Die Mücken des Sommers sind weg. Ebenso die meisten Besucher. Im Herbst kehrt das zurück, was Eveli Jürisson "den größten Schatz unserer Natur" nennt: die Stille. Die 38-jährige Biologin lebt mit ihrer Familie auf Muhu, arbeitet aber auf Saaremaa, der größten Insel Estlands. Eine Dammstraße führt hinüber, flankiert von reichlich Reet und Habitaten für Seevögel. Estland im Herbst, das ist ein Vergnügen für Naturliebhaber.

Eveli begeistert sich wie alle wind- und wetterfesten Inselbewohner an der Heimat, einer dünn besiedelten Wildnis aus Wäldern, Seen, Klippen, Stränden und Meer. Nur Berge gibt es nicht. Wenn sie auf Saaremaa die Wanderschuhe schnürt, dann am liebsten im Moorgebiet Koigi. Knapp fünf Kilometer lang ist der Trail dort. Moorbirken, Moose und ein Aussichtsturm aus Holz stimmen ein.

Oben auf der Aussichtsplattform kommt der See Naistejärv in Sicht. Eveli kennt dazu eine Sage. Sie erzählt von der Riesin Piret, die sich in den Kopf gesetzt hatte, eine Sauna zu bauen – in Estland ein wichtiger Bestandteil der Lebensqualität. Dazu schleppte sie Steine heran, von denen ihr einer derart schmerzvoll auf den Fuß fiel, dass sie aufschrie und ihr die Tränen hervorschossen. "Aus den Tränen von Piret entstand dieser See", endet Evelis Geschichte aus dem Mythenschatz. Wie magisch zieht einen auch der schwarze See Pikkjärv an. Rundherum führt der Moorwanderweg teils über schmale Metallplanken. Es gibt Blaubeeren, dann erklingen Schreie von Wildgänsen.

Im estnischen Herbst sind die Tage noch lang und die Temperaturen erträglich genug, bevor das Klima den Bewohnern zusetzt: mit harten, düsteren Wintern, Eis und Schnee. Dann flüchten auch Birgit und Thomas Laleicke in die deutsche Zweitheimat bei Lemgo und kehren erst im April zurück. Saaremaa ist den Mittsechzigern ans Herz gewachsen. Im Hinterland des Hafens von Soela vermieten sie Baumhäuser.

"Auf Saaremaa kann man sich fallen lassen", schwärmt der pensionierte Betriebswirt Thomas. Er spricht von Waldbaden und Kraftorten. "Wenn man hier durch die Wälder geht, spürt man die positive Energie, die uns geschenkt wird." Bliebe zu ergänzen: nicht nur in den urwüchsigen Wäldern. Beim Blick von der Küste hinaus auf die Baltische See, geht einem das Herz auf, da weitet sich die Seele. Der einsame Strand Tuhkana im Norden der Insel bietet sich dafür besonders gut an. Während des kurzen Marsches vom Parkplatz aus riecht es nach Kiefern. Die Bäume versperren die Sicht, Äste und Zweige sieben das Licht der Sonne. Dann öffnet sich das Panorama unter einem Himmel voller zerfetzter Wolken: In den Dünen wiegen sich Gräser im Wind, der Sand beschreibt einen weiten Bogen, winzige Felsen ragen in Ufernähe aus dem Wasser. Gierig saugt man die glasklare Luft ein, den Salzhauch. Das Wasser hat zu dieser Jahreszeit keine Schwimmtemperatur mehr, aber das ist nun mal der Preis der Nebensaison.

Saaremaa ist knapp dreimal so groß wie Rügen, frei von Ampeln und gespickt mit kleinen Attraktionen: Der Meteoritenkrater von Kaali, mittelalterliche Kirchen und der Fußballplatz von Orissaare mit einer uralten Eiche in der Mitte, um die herum gekickt wird. Laut Volksglauben kämpfte im Flussquellgebiet Odalätsi der Große Töll gegen den Teufel, wobei des Höllenfürsten Speer zerbrach.

Die Windmühlen von Angla zeigen, wie einst die ganze Insel bestückt war. Hinter der Steilküste Panga – in längst vergangenen Zeiten lag eine Kultstätte für Opferrituale ans Meer – stehen windschiefe Kiefern und am Strand Ninase viele Steinmännchen. Der höchste Punkt der Insel misst 52 Meter und wird gekrönt vom Aussichtsturm Rauna. Im Herbst explodieren die Farben der Blätter rundherum in Gelb, Ocker und Rot. Indian Summer im Baltikum.

Die Mehrzahl der 33 000 Bewohner konzentriert sich im Süden um das Städtchen Kuressaare, wo die Bischofsburg aus dem Mittelalter eine Landmarke setzt. Im Restaurant am Hafen erzählt Mihkel Tamm, 31, seine Geschichte. Weil es die Sicht auf die See blockierte, schnitt er vor dem Haus immer wieder Reet weg – bis ihm und seiner Freundin Grete 2018 die Geschäftsidee kam, daraus wiederverwendbare Strohhalme zu machen. Die Prototypen entstanden in Küche und Garage, weitere Ideen in der Natur. "Da wird mein Geist immer frei", sagt Mihkel.

Was folgte, war eine Entwicklung im Zeitraffer: Erstverkäufe nach einer Facebook-Aktion, Anschaffung von Geräten, ein nationaler Designpreis, Nachfrageboom, der Umzug der Produktion aus der Garage in eine Halle nach Kuressaare. Mittlerweile beschäftigen sie fünf Angestellte und exportieren in zehn Länder. Das Paar steht für eine Gegenbewegung – denn häufig verlassen jüngere Leute mangels Perspektive Saaremaa.

Nicht so der Fischer Martin Mai, 34, der im Ort Nasva mit seinem Freund Rein gerade den Sonntagsfang von über zwei Zentnern angelandet hat. Möwen kreisen gierig über dem Boot, bekommen aber nichts ab. Die Kumpel verladen die Fischkisten auf einen Hänger, dann geht es zu Martins Mutter Tiina in die Räucherei. Die Geschäfte laufen. Fisch gebe es genug, sagt Martin, doch "der ganze Papierkram" der EU-Bürokratie mache ihm zu schaffen.

Dabei sind Zahlen definitiv nicht seins. Er weiß nicht einmal, wie alt seine Mutter ist, die am Morgen die Räucheröfen mit ersten Ladungen gefüllt hat – und liegt bei der Schätzung glatt um fünf Jahre daneben. Allerdings zu ihren Gunsten. "Ich kann nichts anderes sein als Fischer", entschuldigt er sich. Und Mama Tiina kommentiert: "Die Natur ruft ihn einfach" Angesichts der kilometerlangen, selbst im Sommer recht einsamen Strände kann man das irgendwie verstehen.

Das herbstliche Inselhüpfen in Estland führt nun auf das zweitgrößte Eiland Hiiumaa. Die Fähre schnurrt ruhig voran. Manchmal trägt das Meer eine Färbung, als hätte jemand Seegras mit geschmolzenem Silber und Blei angerührt. Von den Einheimischen auf Hiiumaa schließt kaum jemand Häuser und Autos ab. Man kennt und vertraut sich. Und man erinnert sich ungern an die Sowjetzeiten, die mit der Unabhängigkeit 1990/91 endeten. Hinter dem Strand Törvanina waren Spähtrupps unterwegs, an der Zufahrt zum Leuchtturm Tahkuna verfallen Haus- und Bunkerreste. Auch die Weltkriege haben ihre Spuren hinterlassen.

Am Seesaum beim Leuchtturm, der 1875 in Paris produziert und in Teilen geliefert wurde, schneidet der Wind ins Gesicht und fährt durch Sträucher mit Hagebutten. Im Hintergrund: Regenvorhänge. Hiiumaa steckt voller Tannen, Kiefern, Eichen, Kastanien, Pilzen, Preisel- und Moosbeeren. Im Dorf Vaemla liegt die einzige Schafwollmanufaktur der Insel in Familienhand. Die Eltern von Mihkel Valdma, 44, gründeten den Betrieb gleich nach Ende der Sowjet-Ära. Mihkel war Fotograf, nun ist er Herr über einen prähistorischen Park aus Maschinen. "Die stammen aus Polen und sind 120 Jahre alt", erklärt er. Es rattert und vibriert. Im T-Shirt geht Mihkel gelegentlich nach draußen, obwohl das Thermometer nur sechs Grad anzeigt. Das macht einem kernigen Esten nichts aus.

Ein Damm bringt einen südwärts auf die Insel Kassari. Die dazwischen liegende Bucht von Käina ist Lebensraum für Seeadler, Kormorane und Graureiher. Der kleine Turm Linnuvaatlustorn ermöglicht einen Rundumblick. Nächste Stationen sind der Hafenzwerg Orjaku, die Kapelle Kassari mit ihrem Reetdach und die Halbinsel Sääretirp, die wie eine verbogene Nadel ins Meer hinausragt. Die friedliche Stimmung ist unterlegt mit Möwengekreisch. Ruhig wird der Besucher an diesem Ort und spürt die Poesie des Augenblicks fern von Reizüberflutung.

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