Hightech aus Südbaden

Inomed in Emmendingen ist auf die Fertigung von Sonden spezialisiert

Philipp Peters

Von Philipp Peters

Fr, 22. November 2019 um 14:36 Uhr

Wirtschaft

Die Fertigung von Sonden und anderen Geräten für die Neurochirurgie ist diffizil. Wie so viele Gründer hat auch Rudi Mattmüller in der eigenen Garage angefangen. Fast 30 Jahre ist das nun her.

In Teningen legte er den Grundstein für Inomed, mit Dieter Mussler, der bis heute dabei ist. Mittlerweile sitzt die Firma im eigenen Gebäude in Emmendingen, erlöst einen Umsatz von etwa 25 Millionen Euro und gibt mehr als 200 Menschen Arbeit, davon 170 am Stammsitz.

Inomed entwickelt, produziert und verkauft Medizintechnik – vor allem Geräte, um Nerven aufzuspüren, anzuregen und so zu schützen. In der Neurochirurgie kommen Sonden, Elektroden und Überwachungssysteme jährlich bei einer halben Million Operationen an Gehirn oder Nervensystem zum Einsatz. Neben festen Systemen aus Elektronik und Instrument gehören auch Einmalprodukte zum Sortiment. Allein davon verkauft Inomed nach eigenen Angaben rund 50.000 Stück pro Jahr. "Wir schützen Nerven", sagt Geschäftsführer Rudi Mattmüller. "Wir schützen sie auch vor dem Operateur."

Manche Nerven muss man berühren

Der operierende Arzt kann den Nerv nicht immer als solchen erkennen und auch nicht wissen, wie gut der Nerv noch funktioniert. Also wird mit Inomed-Technik stimuliert. Bei einem Nerv im Ohr kann das durch einen Laut passieren, bei einem Sehnerv durch Licht. Manche Nerven aber muss man berühren – ganz vorsichtig. Nerven senden elektrische Signale. Mit einer Sonde wird dieser Impuls aufgenommen und in Echtzeit auf einen Monitor übertragen, wo der Arzt ihn empfängt. Durch den Einsatz von Elektroden, die präzise auf einzelnen Zellen platziert werden können, lassen sich Nerven auch steuern. Man kann sie anregen oder beruhigen – und so etwa das Zittern von Parkinson-Patienten abstellen.

Mattmüller ist kein Mediziner. Er hat Elektrotechnik studiert. "Elektrische Vorgänge haben mich schon immer fasziniert – außerhalb und innerhalb des Körpers." Am 11. November 1991 gründet er mit Dieter Mussler Inomed. Drei Jahre später bringen sie eine bipolare Nadelelektrode auf den Markt. Nach und nach wächst das Sortiment um eigene Geräte, die immer komplexer werden. Die Firma wächst mit und zieht schließlich 2010 ins Gewerbegebiet an der Elz. 2016 wird der Bau erweitert. Auf dem Dach des Neubaus findet sich eine Solaranlage. Das Dach des Altbaus lässt Mattmüller bewusst frei. Gut möglich, dass er den Platz mal braucht. "Von der Statik her ist es so geplant, dass wir hier aufstocken können."

Ein Neuromonitor besteht aus etwa 450 Einzelteilen

Im deutschsprachigen Raum sowie in Frankreich und Skandinavien (mit Ausnahme Finnlands) verkauft Inomed seine Produkte direkt. Hier macht das Unternehmen gut die Hälfte seines Umsatzes von etwa 25 Millionen Euro. In den USA wird gerade eine eigene Vertriebstochter gegründet. Für den Rest der Welt gibt es um die 80 Vertriebspartner. Produziert wird nur in Emmendingen.

Ein Neuromonitor von Inomed besteht aus etwa 450 Einzelteilen. Anderthalb Tage braucht ein Mitarbeiter, bis dieser fertig ist. Knapp zwei Drittel der Bauteile bezieht das Unternehmen nach eigenen Angaben von Zulieferern aus der Region. Sonden und Elektroden zu bauen, ist Feinarbeit. Gehirnzellen sind winzig. Die kleinsten messen fünf Mikrometer, das sind 0,005 Millimeter. Doch Inomed kann die Zellen mit einer Mikro-Makro-Elektrode einzeln aufspüren – und behandeln. Entsprechend fein sind die Sonden gefertigt. "Einen passenden Ausbildungsberuf gibt es dafür nicht", so Produktionsleiter Markus Willburger. Fingerspitzengefühl sei wichtig. "Man braucht zwei rechte Hände."

Medizintechnik ist langlebiger als ein Handy

Neue Ideen kommen bei Inomed nicht nur von innen, sondern auch von außen. Es gibt Forschungskooperationen mit Hochschulen und man hört ganz genau hin, wenn Ärzte Ideen haben. Medizintechnik ist allgemein langlebiger als zum Beispiel ein Handy, die Geräte sind nicht selten bis zu zehn Jahre im Einsatz. Das liegt auch daran, dass es schwerer ist, eine bessere Sonde auf den Markt zu bringen als ein smarteres Telefon. Die neue Medizintechnik-Verordnung, die von Mai 2020 in der EU gilt, bereitet nicht nur Inomed Kopfzerbrechen. Heute dauert es mindestens zwei Jahre, bis man die Zulassung für eine Erfindung hat. Mit der EU-Verordnung werde es noch komplizierter, sagt Entwicklungsleiter Jörg Wipfler.

Einen Betriebsrat gibt es bei Inomed nicht, auch keine Tarifbindung und damit keine Lohntransparenz. Sebastian Eckerle ist einer von zwei Vertrauensleuten aus der Belegschaft. Das Klima im Unternehmen beschreibt er als gut: "Es funktioniert auch ohne Gewerkschaft." Auch wenn gerade das Lohnthema immer mal aufkommt. Bisher muss jeder Mitarbeiter sein Gehalt individuell aushandeln.