Talent 3

Ins Münstertal fahren bald neue Züge - Monate später als geplant

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mo, 08. Juni 2020 um 14:32 Uhr

Münstertal

Die SWEG startet den Betrieb mit den Talent-3-Elektrotriebfahrzeugen auf der Münstertalbahn am Sonntag, 14. Juni - ein halbes Jahr später als vorgesehen. Die Bürgerinitiative ist nur halb zufrieden.

Diese Verspätung toppt vieles: Bald ein halbes Jahr später als bestellt, kommen auf der Münstertalbahn nun die neuen Züge zum Einsatz. Hersteller Bombardier konnte die Talent-3-Fahrzeuge zum Leidwesen von Bahnbetreiber SWEG und der Anwohner an der Strecke, die von Bad Krozingen über Staufen ins Münstertal führt, nicht pünktlich liefern. Das Thema ist in der Region hochemotional besetzt, gibt es doch eine Bürgerinitiative, die wegen des nach der Elektrifizierung der Strecke nicht gesunkenen Lärms mobilisiert.

Wie die Südwestdeutsche Landesverkehrs-AG (SWEG) mitteilt, setzt sie von Sonntag, 14. Juni, an auf der Münstertalbahn neue Elektrotriebfahrzeuge des Typs Bombardier Talent 3 ein. "Wir freuen uns, die neuen Fahrzeuge nun endlich den Fahrgästen zur Verfügung stellen zu können", sagt SWEG-Vorstandsvorsitzender Tobias Harms.

Eigentlich hätten die Talent-3-Triebwagen bereits zur Inbetriebnahme des sogenannten Netzes 9b ("Freiburger Y") Mitte Dezember 2019 eingesetzt werden sollen, was aufgrund massiver Lieferschwierigkeiten beim Hersteller Bombardier nicht möglich war.

Der Amtschef des baden-württembergischen Verkehrsministeriums, Uwe Lahl, sagt: "Trotz aller Schwierigkeiten mit dem Fahrzeuglieferanten Bombardier und den Herausforderungen durch die Corona-Krise freuen wir uns, dass die neuen Fahrzeuge nun auf der Zielgeraden und einsatzbereit sind. Das wird die Qualität auf der Münstertalbahn steigern."

Michael Fohrer, Deutschlandchef bei Bombardier Transportation, sagt: "Bombardier möchte sich für die Verzögerungen bei der Auslieferung entschuldigen, insbesondere auch bei den hiervon betroffenen Fahrgästen. Mein Team hat trotz Corona-Einschränkungen alles getan, um unsere Produktion aufrechtzuerhalten, sodass der Betrieb auf der Münstertalbahn starten kann."

Bisherige Talent 2 werden verkauft
Die beiden bisherigen Talent-2-Triebwagen von Bombardier, die seit Herbst 2013 auf der Münstertalbahn im Einsatz waren, verkauft die SWEG an Alpha Trains. Das Unternehmen ist der führende Vermieter von Schienenfahrzeugen in Kontinentaleuropa und hat Standorte in Luxemburg, Antwerpen, Köln, Madrid und Paris. Alpha Trains besitzt rund 800 Lokomotiven und Triebzüge und bietet seinen Kunden unter anderem maßgeschneiderte Leasinglösungen sowie umfassendes Wissen bei der Wartung und Instandsetzung von Fahrzeugen. Die Flotten von Alpha Trains sind bei vielen öffentlichen und privaten Betreibern in 17 europäischen Ländern im Einsatz.

Was die neuen Fahrzeuge bieten
Die Talent-3-Fahrzeuge werden sich im gelb-schwarz-weißen Landesdesign präsentieren. Sie weisen laut der SWEG-Mitteilung eine Einstiegshöhe von 55 Zentimetern auf, weshalb an allen Stationen ein barrierefreier Einstieg möglich ist. Um den Lärmschutz an der Strecke voranzutreiben, enthalten die Talent 3 eine sogenannte Spurkranzschmierung, durch die das Quietschen in engen Kurven deutlich reduziert wird. Außerdem sind in jedem Fahrzeug Fahrradstellplätze, kostenloses WLAN, Toiletten, Klimaanlagen und ausreichend Steckdosen vorhanden.

Talent 3 auf den anderen Strecken
Die neuen Elektrotriebwagen sollten eigentlich auf allen Strecken des Netzes "Freiburger Y" von Dezember 2019 an fahren. Die Lieferschwierigkeiten von Bombardier hatten jedoch einen Notplan erforderlich gemacht. Auf der Elztalbahn sollen die neuen Fahrzeuge nach erfolgter Elektrifizierung der Strecke Denzlingen – Elzach (voraussichtlich im Dezember 2020) verkehren. Auf der Kaiserstuhlbahn (Riegel-Malterdingen – Endingen – Breisach) kommen die Talent 3 erst von Frühjahr 2021 an zum Einsatz.

Moderne Werkstatt in Offenburg

Gewartet werden die neuen Elektrotriebwagen, die im Netz "Freiburger Y" fahren, hauptsächlich in der neu errichteten Bahnbetriebswerkstatt in Offenburg. Sie befindet sich im östlichen Offenburger Bahnhofsgebiet und wurde im vergangenen Dezember feierlich eröffnet. Das moderne Instandhaltungswerk erstreckt sich auf einer Fläche von rund 2000 Quadratmetern und umfasst zwei Grubengleise, mobile Hebebockanlagen, Dacharbeitsstände und einen durchgängigen Portalkran. "Von kleinen Durchsichten bis hin zur kompletten Instandhaltung kann hier die gesamte Bandbreite abgedeckt werden", sagt Tobias Harms. Zum Gelände gehört ebenso eine moderne Portalwaschanlage, durch die die Züge per elektrischer Rangierhilfe gezogen werden.

Das sagt die Bürgerinitiative
In einer Stellungnahme der B.I.M. (Bürgerinitiative Münstertalbahn) begrüßt das Sprecherteam um Ilga Richter und Christian Hausmann zwar die Neuerung prinzipiell, stellt aber andererseits auch fest: "Vorausgesetzt, dass die Spurkranzschmierung an allen Drehgestellen angebracht wird, dürfte das gegenüber der jetzigen Technik einen gewissen Fortschritt in Richtung leisere Züge bringen, geringere Rollgeräusche und weniger Quietschen verursachen und somit den Forderungen der B.I.M. entgegenkommen. Freilich entspricht das immer noch nicht dem heutigen Stand der Technik: Würden die Drehgestelle mit flexiblen Achslenkern ausgestattet, würde die in den Kurven besonders starke Reibung zwischen Rädern und Schienen gar nicht entstehen. Oder man müsste ganz auf die jetzt üblichen starren Jakobsdrehgestelle verzichten, die praktisch zwei Waggons verbinden, daher besonders lang sind und somit in engen Kurven wie an der Münstertalbahn besonders starke Friktionen und somit Lärm verursachen."