Nahverkehr

Interessengemeinschaft pocht auf eine S-Bahn im Kandertal

BZ & Victoria Langelott

Von BZ-Redaktion & Victoria Langelott

Do, 28. Juli 2022 um 14:55 Uhr

Kreis Lörrach

Für S-Bahn-Verfechter war es ein Schock: Eine Machbarkeitsstudie hält die Reaktivierung der Kandertalbahn für unwirtschaftlich. Nun kritisieren die IG Kandertalbahn die Methodik der Studie.

Die jüngst vom Landratsamt vorgestellte Machbarkeitsstudie war zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Reaktivierung der Kandertalstrecke für eine S-Bahn nicht wirtschaftlich wäre. Die IG Pro Kandertalbahn bezweifelt dies. Sie hat die Studie unter die Lupe genommen und wirft den Gutachtern eine Reihe methodischer Mängel vor. Die Kosten-Nutzen-Analyse sei fragwürdig, so ihr Fazit.

Bei der Vorstellung der Studie hätten die Gutachter auch weder erklären können, wie sie den Nutzen berechneten, noch, wie sie auf die hohen Kosten für den Bahnausbau kamen, bemängelt die IG. Noch im Februar seien die Erstellungskosten für die Strecke in einer Verkehrsstudie auf 40 bis 45 Millionen Euro geschätzt worden, die neue Machbarkeitsstudie gehe nun von 80 Millionen Euro aus. Vergleichbare, fertiggestellte Reaktivierungsstrecken lägen alle im Bereich der erstgenannten Summen von 40 bis 45 Millionen Euro – bei veranschlagten 2,3 bis 3,2 Millionen Euro pro Kilometer.

Kürzere Fahrzeiten verbessern Kosten-Nutzen-Faktor massiv

Nicht berücksichtigt worden sei auch, so kritisiert die IG Pro Kandertalbahn laut ihrer Mitteilung, dass die Reaktivierungskosten für eine S-Bahn zu 95 Prozent von Bund und Land übernommen würden. Und käme der Kosten-Nutzen-Faktor auf über 1, – die Studie kam für die Strecke nur auf 0,28 – würden die Betriebskosten vollständig vom Land übernommen.

Die Planer selbst hätten im Übrigen noch angeführt, dass der Nutzen-Kosten-Faktor bereits auf 0,9 stiege, würde man die vorgegebenen Fahrzeiten um nur fünf Prozent senken. Auf der Strecke Kandern – Basel würden bei 30 Minuten Fahrtzeit 1,5 Minuten weniger genügen, um die Wirtschaftlichkeitsgrenze zu erreichen, so die IG. Das sei unter Umständen machbar.

Kritisch bewertet die IG auch den hinkenden Vergleich von Bus und Bahn. Für die Bahn würden barrierefreie Bahnsteige kalkuliert, bei den Bushaltestellen nicht. Zudem seien die gesamten Reaktivierungs-Gleisbaukosten einberechnet, keinerlei Kosten aber für den notwendigen Straßenausbau und -unterhalt für den Busverkehr. Fragwürdig ist für die IG auch, dass die Bewertung nach veralteten Kriterien erfolgte. Wie berichtet, sind sich Landkreis und beteiligte Kommunen schon einig, dass die Studie nach neuen Richtlinien wiederholt werden muss.

Neue Methode gewichtet Umwelt- und Klimaschutz höher

"Nach aktueller Methode werden Umwelt- und Klimaschutz viel höher gewichtet", hält die IG fest. So werde zum Beispiel der Faktor der CO2-Belastung heute mit 580 Euro pro Tonne gerechnet anstatt wie noch in der Studie mit nur 20 Euro. Die IG erwähnt noch, dass eine Einstufung der Strecke als nicht zukunftsträchtig für den Nahverkehr bedeuten könnte, dass das Land seine Zuschüsse für die dort verkehrende Museumsbahn streicht. Ein Landesexperte habe dies angedeutet. "Wenn wir im Kreis tatsächlich etwas zum Umwelt- und Klimaschutz beitragen wollen, führt kein Weg an einer S-Bahn vorbei", schließt die IG und fordert "einen Schritt hin zu einer tatsächlichen Verkehrswende."