Landesweiter Test

Videoanalyse soll zeigen, ob Radschutzstreifen außerorts sinnvoll sind

Victoria Langelott

Von Victoria Langelott

Sa, 11. Juli 2020 um 18:33 Uhr

Efringen-Kirchen

Drei Tage lang wurde bei Kandern-Holzen in dieser Woche der Verkehr überwacht. Dies im Rahmen des landesweiten Tests, der den Wert von Schutzstreifen für Radfahrer klären soll.

Wie sinnvoll sind auf die Fahrbahn gezeichnete Radschutzstreifen außerorts? Sind sie ein besserer Schutz für Radfahrer oder nicht? Ein landesweiter Test will das klären. An der Versuchsstrecke zwischen Egringen und Kandern-Holzen wurde dafür in dieser Woche der Verkehr gezählt und beobachtet. Dafür war eine Kamera bei Holzen platziert.
In der Schweiz sind Schutzstreifen außerorts seit Jahrzehnten üblich. Man kennt sie auch aus Frankreich oder von kleinen Straßen in den Niederlanden. Vor rund vier Wochen ist ein Schutzstreifen an der Kreisstraße 6351 aufgezeichnet worden und er ist für Autofahrer wie Radler noch gewöhnungsbedürftig. Die Meinungen, die dazu bei der BZ ankommen, umfassen dabei die ganze Bandbreite zwischen "gut" und "für Radfahrer lebensgefährlich". Ein Autofahrer berichtet zum Beispiel, er habe einen Beinaheunfall beobachtet und kritisiert, die Straße sei viel zu schmal für einen solchen Streifen, der Verkehr viel zu schnell. Die gestrichelte Linie gaukle dem Radfahrer eine Sicherheit vor, die er nicht habe, daher sei die Straße für ihn nun gefährlicher. "Entweder ein richtiger Radweg oder gar nichts," fordert er.

Radstreifen sind kein Radweg
Tatsächlich ist ein "richtiger Radweg" auch für den Landkreis Lörrach an der K 6351 das angestrebte Ziel. Weil aber Radwegprojekte ebenso wie Straßenplanungen mit jahrelangen Verfahren verbunden sind, beteiligte der Kreis sich gern an dem landesweiten Versuch mit Schutzstreifen außerorts – zum Austesten einer Zwischenlösung. Und als eine solche sieht auch Radverkehrsplaner Peter Gwiasda die Streifen. Er arbeitet beim Planungsbüro Via in Köln im Auftrag der AGFK (Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen) mit am Modellversuch in Baden-Württemberg, der die Tauglichkeit von Schutzstreifen außerorts anhand von 40 Teststrecken prüfen soll. Bis Ende des Jahres will das Landesverkehrsministerium das Ergebnis vorliegen haben. Die Schutzstreifen könnten vor allem dann eine Möglichkeit sein, so Gwiasda, wenn eine Straße nicht stark befahren ist oder in absehbarer Zeit kein Radweg in Sicht ist. Auf dem Straßenstück zwischen Egringen und Holzen fahren täglich 4800 Kraftfahrzeuge – nicht ganz wenig, aber auch nicht viel. Unter welchen Voraussetzungen die Schutzstreifen Sinn machen, soll die Auswertung des Versuchs klären. Der Planer sieht den Test im Übrigen als Versuch, in Baden-Württemberg in der Radverkehrsplanung voranzukommen, die, wie er deutlich macht, manch anderer Gegend hinterherhinkt. Zum Beispiel dem Münsterland: "Dort gibt es keine Straße ohne Radweg. Dort haben sie 50, 60 Jahre Vorlauf, im Raum Lörrach muss man nachholen."

Die Videoanalyse
Leitfragen für die Videoanalyse in dieser Woche bei Holzen auf Höhe der Abzweigung zum Sausenhard waren: Wo fahren die Fahrzeuge, wie schnell, wie überholen sie Radfahrer, halten sie den Zwei-Meter-Abstand ein und kommt es zu Konflikten? Die Kamera, klein, hoch oben auf einer Teleskopstange, fiel nicht auf. Das sollte so sein, erklärt Peter Gwiasda, "die Leute sollen sich so verhalten, wie sie sich immer verhalten." Am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag zeichneten die Geräte das Geschehen auf, an der gleichen Stelle wie 2019 schon einmal. Durch den Vergleich der Werte mit und ohne Schutzstreifen erhofft man sich entscheidende Erkenntnisse. Das Kameraauge erfasst die Strecke Richtung Wald. Gewählt wurde die Position, wie Gwiasda erklärt, weil hier auch 100 km/h gefahren werden können, es gibt kein Tempolimit wie etwa im Bereich des Walds. Würden die Streifen den Kfz-Verkehr langsamer machen, sähe man es hier am ehesten. Zudem erfasst die Kamera von hier aus einen geraden Abschnitt und eine Kurve. "Für die Beobachtung ist es wichtig, ein langes und freies Sichtfeld zu haben, um möglichst viele und vollständige Überholvorgänge und Begegnungsfälle zu erfassen," so Gwiasda. Weiterer Vorteil der Position: Hier wechseln Radfahrende Richtung Egringen vom Radweg auf die Fahrbahn. Alle aufgezeichneten Situationen mit Radfahrern werden aus dem Video geschnitten und bewertet. Das Landratsamt steuert übrigens – 2019 wie 2020 – Geschwindigkeitsmessungen bei.



Auswertung bis Jahresende
Dass die Teststrecke so manches Gemüt erhitzt, weiß Gwiasda und er hat es kaum anders erwartet. Eigentlich brauche es drei Monate Zeit, bis Leute sich an so etwas gewöhnt hätten. Vier Wochen seien zu wenig. Doch weil das Verkehrsministerium die Auswertung bereits Ende des Jahres von allen Teststrecken haben wolle, musste man zusehen, die Messungen auf so vielen Strecken wie möglich vor den Sommerferien abzuschließen.

Streifen unterschiedlich breit
Laut Straßenverkehrsordnung haben Radfahrstreifen eine Mindestbreite von 1,50 Metern, die weißen Linien inbegriffen. Wer an dem 3,2 Kilometer langen Teststück nachmisst, stellt fest: Das ist nicht immer erreicht. Die Breite wechselt und kann – etwa gleich nach Egringen – auch mal bei 1,38 Metern liegen. Die Markierer vor Ort müssten sicherstellen, erklärt Gwiasda, dass die Restfahrbahnbreite ausreicht. Die "flexible" Breite ist laut Gwiasda aber kein Problem. Allerdings – das Wort "Schutzstreifen" findet er ungünstig. "Suggestivstreifen" hätte er besser gefunden, denn sie signalisierten Autofahrern einfach: "Hier sind Radfahrer unterwegs". Das Wort "Schutzstreifen" suggeriere einen Schutz, den es nicht gebe. "Der Radfahrer muss wissen, dass er hier nicht auf einem Radweg ist, sondern weiter auf der Fahrbahn".