Studie

Kausalität von Schutz vor Sars-CoV-2 durch Grippeimpfungen ist nicht geklärt

Katharina Meyer

Von Katharina Meyer

Mi, 07. April 2021 um 08:29 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Eine US-Studie gibt Hinweise, dass Grippeimpfungen vor Covid-19 schützen. Ein Freiburger Experte ist skeptisch und rät zu einer vorsichtigen Interpretation der Daten.

Erhöht eine Grippeimpfung den Schutz vor Covid-19? Mehrere Studien zeigen, dass Menschen, die gegen Influenza geimpft sind, seltener an Covid-19 erkranken und weniger häufig ins Krankenhaus müssen. Die Ursache ist noch unklar. Es könnte medizinische Gründe haben – oder aber daran liegen, dass Grippegeimpfte besser auf ihre Gesundheit achten.

Den Daten der Forscher von der University of Michigan zufolge war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Grippe-Geimpfter positiv auf das Coronavirus getestet wurde, 24 Prozent – also fast ein Viertel – niedriger als bei Nicht-Geimpften. Sie mussten auch seltener wegen Covid-19 in die Klinik und hatten dort eine kürzere Aufenthaltsdauer.

Es ist noch offen, ob es tatsächlich einen medizinischen Effekt gibt

Für ihre im American Journal of Infection Control veröffentlichte Studie nahmen die Wissenschaftler die Daten von 27 000 Menschen unter die Lupe, die im vergangenen Jahr einen Test auf Sars-CoV-2 gemacht haben. Auch wenn die Autoren um Marion Hofmann Bowman darauf hinweisen, dass die Ursache derzeit noch unklar ist, ziehen sie doch das Fazit: "Die Grippeimpfung sollte beworben werden, um die Last von Covid-19 zu erleichtern."

"Eine kausale Verknüpfung kann diese Art von Studien nicht zeigen." Siegbert Rieg, Funktionsoberarzt der Abteilung Infektiologie an der Uniklinik Freiburg
Es ist nicht die einzige Studie, die in diese Richtung weist: So hat eine italienische Studie, im Februar im Fachmagazin Preventive Medicine veröffentlicht, für Über-65-Jährige in 20 italienischen Regionen ebenfalls eine Korrelation zwischen hohen Grippe-Impfraten und niedrigen Infektionszahlen mit Sars-CoV-2 gezeigt. Die Wissenschaftler haben für ihre Untersuchung öffentliche Bevölkerungsdaten ausgewertet. In einer weiteren – vorveröffentlichten – Studie an holländischen Krankenhausmitarbeitern zeigte sich der Zusammenhang ebenfalls.

Auch bei anderen Impfungen gibt es eine Kreuzimmunität

Siegbert Rieg, Funktionsoberarzt in der Abteilung Infektiologie an der Uniklinik Freiburg, rät zu einer vorsichtigen Interpretation der Daten: "Ich bin nicht überzeugt", sagt er zu der Studienlage. Es sei zwar eine interessante Beobachtung. Aber: "Eine kausale Verknüpfung kann diese Art von Studien nicht zeigen." Es sei offen, ob es tatsächlich einen medizinischen Effekt gebe oder ob die Gruppe der Influenzageimpften generell vorsichtiger sei und sich besser an die AHA-Regeln halte. "Das ist eine plausible Alternativerklärung." Man müsste die Kausalität weiter erforschen.

Die Hypothese, dass Impfungen auch vor anderen Infekten schützen können, ist nicht neu. "Die Beobachtung gibt es auch bei weiteren Impfungen, etwa gegen Tuberkulose", sagt Rieg. Diese sogenannte Kreuzimmunität entstehe durch unspezifische Effekte, so Rieg – nämlich dass die Zellen des Immunsystems nach dem "Training" durch eine Impfung auch auf andere Erreger besser ansprechen. "Wenn die Hypothese mit der Grippe-Impfung stimmt, dann dürfte man annehmen, dass die entsprechende Immunstimulierung nach wenigen Wochen da wäre", so Rieg.

Sollten sich nun alle, die sehnsüchtig auf eine Impfung gegen das Coronavirus warten, vorsichtshalber grippeimpfen lassen? Rieg bleibt skeptisch: "Die Evidenz reicht nicht aus, um daraus eine breite Empfehlung abzuleiten, sich noch gegen die Grippe impfen zu lassen – zumal am Ende einer Saison, die praktisch nicht stattgefunden hat." Aber vielleicht bringen die Daten den ein oder anderen dazu, im kommenden Herbst eine Grippeimpfung eher in Erwägung zu ziehen. Denn von dieser hält Rieg viel: "Wir sind generell sehr für die Influenza-Impfung."