Bonn

Klimasünder wollen zahlen – Ölmultis für höhere Steuern

Christian Mihatsch

Von Christian Mihatsch

Di, 02. Juni 2015 um 00:00 Uhr

Wirtschaft

Es kommt selten vor, dass Unternehmen darum bitten, stärker zur Kasse gebeten zu werden. Doch dies haben nun sechs Energiekonzerne getan. Warum tun sie das?

In Bonn hat am Montag eine neue Runde der UN-Klimaverhandlungen begonnen. Am Tisch sitzen die Vertreter von gut 200 Ländern. Gern dabei gewesen wären sechs europäische Energiekonzerne. Deren Chefs haben der Chefin des UN-Klimasekretariats, Christina Figueres, einen Brief geschrieben, der der Tageszeitung Financial Times vorliegt. In diesem Brief bitten sie um "einen direkten Dialog mit der UNO und willigen Regierungen".

Dies ist erstaunlich, da die Konzerne gleich wie Umweltorganisationen, Gewerkschaften oder Kirchen problemlos als Beobachter bei den Verhandlungen zugelassen werden und deren Chefs bei ihren Regierungen oder bei Figueres wohl auch einen Gesprächstermin bekommen könnten. Aus Sicht von Alix Mazouni von der Umweltorganisation RAC ist der Brief der Konzernlenker denn auch ein Zeichen: "Sie haben Panik."

Die sechs Konzerne sind Shell (Holland), BP (England), Total (Frankreich), Statoil (Norwegen), Eni (Italien) und BG (England). Die Multis haben ein konkretes Anliegen: "Wir haben großes Interesse an der Schaffung eines funktionierenden Ansatzes, um CO2-Emissionen mit einem Preis zu versehen, und können dazu wichtige Beiträge liefern."

Ein solcher Preis würde die Kosten der Unternehmen erhöhen, zum Beispiel, indem CO2-Emissionen besteuert worden oder – wie in Europa – ein Handel mit Verschmutzungsrechten etabliert würde. Gleichzeitig würde ein Preis für den Ausstoß von Klimagasen allerdings auch für gleiche Wettbewerbsbedingungen sorgen und mehr Klarheit für Investitionen schaffen, sagen die Multis.

Die Firmen geben damit zu, dass sie nicht mehr genau wissen, wo sie wie viel investieren sollen. Grund dafür ist die Diskussion über eine CO2-Blase. Wenn die Klimaerwärmung auf zwei Grad im Jahresmittel begrenzt werden soll, müssen rund 80 Prozent der bekannten Kohle-, Öl- und Gasvorkommen im Boden bleiben, wie die Umweltorganisation Carbon Tracker ausgerechnet hat. Das Problem: Dass diese Reserven angezapft werden, ist in den Aktienkursen der Energiemultis eingepreist. Wenn die Länder jedoch eine wirksame Klimapolitik vereinbaren, könnten diese Reserven und die Förderanlagen wertlos werden. Aus der Blase entweicht die Luft, die Aktienkurse der Energiemultis sinken.

Dabei geht es um große Summen. Die Konzerne investieren pro Jahr knapp eine Billion Dollar, schätzt die Internationale Energieagentur IEA. Wenn die Investitionen mehrerer Jahre abgeschrieben werden müssen, dann könnte dadurch das Weltfinanzsystem ins Wanken kommen. Aus diesem Grund haben die Bank von England und die 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen (G 20) bereits Studien zur CO2-Blase in Auftrag gegeben. Auch die Bundesregierung plant eine solche Studie, um zu klären, "ob Risiken aus dem Engagement in fossile Energieträger richtig bewertet sind und inwieweit hieraus Finanzstabilitätsrisiken resultieren".

Der Wunsch nach einem Preis für CO2 ausgerechnet aus der Wirtschaft ist nicht selbstlos. Sie will Turbulenzen der Aktienkurse verhindern. Und die Konzerne verweisen in ihrem Brief darauf, dass mit einer Umstellung der Energieversorgung von Kohle zu Gas viele Emissionen eingespart werden könnten. Davon würden die sechs Konzerne profitieren, da sie viel Gas und wenig Kohle fördern.