Konfrontation am Puschkin-Platz

Stefan Scholl

Von Stefan Scholl

Mo, 25. Januar 2021

Ausland

Bei den Protesten am Samstag agierten die Greiftrupps der Moskauer Polizei brutal wie selten – aber es gab auch gewaltbereite Demonstranten.

. Auf dem Puschkin-Platz geht es nicht mehr vor und zurück, so eng ist das Gedränge. Jemand hält ein Plakat hoch: "Gegen Putin und für diesen Burschen!", daneben ist ein Foto Alexei Nawalnys aufgedruckt. "Freiheit, Freiheit"-Sprechchöre schallen gegen die Polizeilautsprecher an: "Die Veranstaltung ist ungesetzlich, verlassen Sie sie unverzüglich!"

Am Samstag gab es in Moskau und ganz Russland Proteste, zu denen der verhaftete Oppositionelle Nawalny vor einer Woche aufgerufen hatte. Vor allem in Moskau und in Sankt Petersburg arteten sie in Jagdszenen aus, insgesamt wurden laut dem Bürgerrechtsportal OWD Info fast 3600 Menschen festgenommen, davon 1400 in Moskau und 530 in Petersburg. "Solche Massenfestnahmen hat es noch nie gegeben", titelte die liberale Internetzeitung meduza.io. Aber diesmal waren nicht nur die Sicherheitskräfte gewalttätig. Auch viele Demonstranten warfen sich aktiv ins Handgemenge. Vor allem junge Männer, die eher Fußballrowdys ähnelten als liberalen Oppositionellen.

Immer neue Menschen drängen von der Twerskaja-Straße auf den überfüllten Puschkin-Platz, ein Großteil der vorbeifahrenden Autos hupt zustimmend. Als die Ampel auf Rot springt, laufen junge Leute auf die Fahrbahn, ein Absperrungsgitter der Polizei fällt, unter Jubel reißen die Demonstranten weitere um. Ein weißer Cherokee-Jeep rollt über das Eisengitter, auch er hupt rhythmisch Beifall. Dann stürmen Nationalgardisten heran.

Nach Angaben des Nachrichtenportals znak.com gingen in über hundert Städten insgesamt 150 000 Menschen auf die Straße. In Sankt Petersburg 5000 bis 10 000, in Nowosibirsk 4500, in Krasnojarsk 3000. In manchen Provinzhauptstädten waren es nur einige Hundert. In Moskau meldete die Polizei insgesamt 4000 Teilnehmer, die Agentur Reuters sprach von 40 000. Nach Einschätzung unseres Korrespondenten versammelten sich auf dem Puschkin-Platz bis zu 20 000 Menschen, Beobachter der Statistikgruppe "Weißer Zähler" schätzten ihre Zahl auf 15 000. Zum Vergleich: Vergangenes Jahr waren in der Zweimillionen-Seelen-Stadt Minsk wiederholt über hunderttausend Oppositionelle auf die Straße gegangen.

Kein Wunder, dass Kremlsprecher Dmitri Peskow die Zahlen mit Zufriedenheit kommentierte: "Es sind wenig Menschen auf die Straße gegangen. Viele Menschen stimmen für Putin." Trotzdem schreibt die staatliche Massenzeitung Komsomolskaja Prawda von einem Unentschieden: Die Summe der allrussischen Demonstranten reichten aus, um die Situation noch einige Zeit anzuheizen. Auch der oppositionelle Politologe Igor Korgonjuk erwartet weiter neue Proteste: "Das System hat selbst alle politischen Ventile verstopft, durch die die unzufriedene Gesellschaft Dampf ablassen kann. Es ist in der Lage, die Situation noch einige Zeit zu konservieren, aber nicht mehr, die negative Stimmung zu beseitigen."

Gegen 15 Uhr Ortszeit, die Kundgebung dauert gerade eine Stunde, fangen die Polizeikräfte an, die Menge vom Puschkin-Platz zu drängen. Aber die wehrt sich, es hagelt Schneebälle und Fußtritte für die Ordnungshüter. In vorderster Front sind athletische junge Männer zu sehen, sie machen eher unternehmungslustige als ängstliche Gesichter.

Sollten Studenten Prügeleien anzetteln?

Die oppositionelle Zeitung Nowaja Gaseta berichtete vorher über eine Veranstaltung in einem Pensionat bei Moskau. Laut der Zeitung wurden dort Studenten instruiert, bei der Kundgebung Prügeleien anzuzetteln und dann Videos mit gewalttätigen Demonstranten ins Internet zu stellen. Am Samstag zwang die Zensurbehörde Roskomnadsor die Zeitung, den Text von ihrer Seite zu nehmen.

Der Puschkin-Platz ist geräumt, es vermischen sich Demonstranten, schwer gerüstete Polizeikolonnen und Passanten.
"Wir sind auch dafür, dass Nawalny wieder rauskommt", sagt Lena, eine 24-jährige Programmiererin. " Aber vor allem dafür, dass wir Putin endlich abwählen können." Offenbar wollen viele noch nicht nach Hause gehen, weil in der Moskauer Luft für ein paar Stunden Freiheit und Veränderung liegen.

Mehrere Demonstranten erhielten blutige Kopfwunden. In Petersburg landete eine ältere Frau nach dem brutalen Tritt eines Polizisten auf der Intensivstation. Die Staatsmedien berichten lieber über Gewalttaten der Gegenseite. So sollen laut der Agentur TASS zwei Aktivistinnen der Aktionskunstgruppe Pussy Riot bei ihrer Festnahme einen Polizisten mit dem Auto angefahren haben. Viele Demokraten befürchten, es würden massenhafte Strafprozesse folgen. "Morgen wacht unser Land in viel engeren Daumenschrauben auf", warnt der Politologe Dmitri Oreschkin auf dem Kanal TV Doschd. Die Hundertschaften der Einsatzpolizei haben auch den Park am Zwetnoi Boulevard komplett geräumt.

Das Vorgehen der Polizei könnte letztlich auch den Demonstranten helfen. "Der Sieg heute", sagt Ilja, ein Jungunternehmer, der unbehelligt an den Fängern vorbeigekommen ist, "besteht darin, dass die Menschen jetzt eine klare Vorstellung haben, in welcher Gesetzlosigkeit sie leben."