Salzburger Festspiele

Kosminski inszeniert die Uraufführung von Theresia Walsers "Die Empörten"

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 19. August 2019 um 20:00 Uhr

Theater

Trotz hervorragendem Schauspielerquartett bringt Kosminski die Empörung nur halbherzig, fast verschämt auf die Bühne. Man hätte sich deutlich einen zuspitzenden Zugriff gewünscht.

"Die Empörten": Ein solcher Titel zielt ins Herz der aktuellen politischen Debatten. Dabei denkt niemand mehr an Stéphane Hessels Pamphlet "Empört Euch", mit dem der 93-jährige ehemalige französische Widerstandskämpfer und UN-Diplomat 2010 zum politischen Widerstand gegen den globalen Kapitalismus aufrief. Neun Jahre später assoziiert jeder die Hass-Chats im Netz, die Pegida-Demonstrationen in Dresden, die ganze Wut von rechts gegen "die da oben". Diejenigen, die ungestraft von "Volksverrätern" schwadronieren, wenn sie demokratisch gewählte Politiker meinen, diejenigen, die die Bundeskanzlerin an den Galgen zeichnen, haben den Begriff sehr erfolgreich erobert.

Bei Theresia Walser funktioniert die Gleichung Empörung gleich Rechtspopulismus nicht so glatt. Die Empörten, die die Freiburger Dramatikerin in ihrem Auftragsstück für die Salzburger Festspiele auftreten lässt, sind ein absichtsvoll zusammengewürfelter Querschnitt der Bevölkerung einer – das suggeriert Florian Ettis Bühnenbild im Landestheater überdeutlich – alpenländischen Kleinstadt.

Als da sind: die Bürgermeisterin, die vor dem nächsten Wahlkampf steht; ihre rechtspopulistische Herausforderin; der Diener im Rathaus und der öffentlichen Meinung; die rechtschaffene Bürgerin, die sich als Deutsche fühlt, aber nicht so behandelt wird; und der unglückliche Bruder der Bürgermeisterin, der als einziger um die Leiche trauert, die in einer altehrwürdigen Truhe auf der Bühne ruht. Was heißt ruht: am Beginn des Abends wurde sie hineingestopft von der Politikerin herself, die von einer Identifikation der Leiche erhebliche Nachteile für ihre Wiederwahl befürchtet.

Kosminski setzt die Empörung nur halbherzig um

Was ist das, was man in Burkhard C. Kosminskis Uraufführung da zweieinviertel Stunden lang ohne Pause zu sehen bekommt? Ein boulevardesker, schwarzhumoriger Schwank à la Hitchcock ("Immer Ärger mit Harry") oder eine Komödie mit gesellschaftspolitischem Tiefgang, der die Autorin selbst das Epitheton "finster" verliehen hat? Der Regisseur, seit 2018 Intendant des Stuttgarter Staatstheaters und in seiner Zeit davor als Mannheimer Schauspieldirektor auf Walser-Uraufführungen abonniert – es ist die achte – konnte sich nicht recht entscheiden. Halbherzig, fast verschämt setzt er die Screwball-Elemente der "Empörten" um.

Und ebenso halbherzig bringt er den sprachlichen Furor des Stücks – es selbst vollzieht ja in seiner rhetorischen Gestalt zuerst und zunächst die Erregungskurve der Empörung – auf die Bühne.

Man wünscht sich einen wagemutigeren Zugriff

Dabei steht ihm mit Caroline Peters, André Jung, Anke Schubert und Sven Prietz ein fabelhaftes Schauspielerquartett zur Verfügung. Peters hat gerade in den letzten Jahren – besonders in Inszenierungen des Shootingstars Simon Stone – Furore gemacht; 2016 und 2018 war sie Schauspielerin des Jahres, für ihren Auftritt in "Strindberg Hotel" erhielt sie 2018 den Nestroy-Theaterpreis.

In "Die Empörten" ist sie die Politikerin, die für ihre Karriere buchstäblich über Leichen geht: dem Halbbruder nach dessen Amokfahrt in eine Fußgängergruppe das Begräbnis verwehren will; zumal er, sicher ist das nicht, "Allahu Akbar" gerufen haben soll. Peters schlägt verbal brutal um sich; sie verkörpert den Typus der Macherin, die zwar von Toleranz und Menschlichkeit redet (und dafür auch tote Hasen zugeschickt bekommt), aber sich nicht scheut, im Dienst am Marktliberalismus alteingesessene Mieter aus kommunalem Eigentum zu vertreiben.

Peters allerdings kann ihre Rolle nicht entfalten, weil ihr die Gegenspielerin auf Augenhöhe fehlt: Silke Bodenbender, die, wie es im Programmheft heißt, mit Kosminski eine lange künstlerische Zusammenarbeit verbindet, bleibt als Elsa Lerchenberg so blass, dass man von einer Fehlbesetzung sprechen muss. Dieser Schauspielerin scheint es nicht gegeben zu sein, die subtil perfiden Äußerungen einer Figur, die die Empörung der anderen anstachelt, um sie sich dann politisch zunutze zu machen, rhetorisch auszukosten.

Bodenbender ist eine rechte Langweilerin

Das aber ist unabdingbar, um das Finstere an dieser Komödie zum dunklen – und toxischen – Leuchten zu bringen. Wenn Bodenbender hinter ihrer kreisrunden Brille freundlich lächelnd von der Penetration des Mutterbodens durch Heere von Beschnittenen spricht, klingt das so, als würde sie über den Gemeindehaushalt reden. Oder übers Wetter. Sie ist eine rechte Langweilerin – und darf doch um Gottes Willen keine langweilige Rechte sein.

Apropos: Die Szene, in der die Machtinhaberin und die Machtprätendentin um die Abnahme eines Kruzifixes streiten, das vorher gar nicht in der Amtsstube gehangen hat, wird durch diese engelhaft harmlose Alice-Weidel-Simulation zum flauen Slapstick, den auch André Jung in seinem unerschütterlichen Stoizismus nicht retten kann. Als Faktotum Pilgrim mit – warum? – bodenlangen Frackschößen ausgestattet, verharrt er viel zu lang auf einer hohen Leiter: Soll er den "Jammermann" (die deutsche Muslimin Frau Achmedi) abnehmen oder doch hängen lassen, während er zu einem bedenkenswerten Monolog ansetzt über die Meinungslosigkeit des Opportunisten und den kleinen Faschisten in jedem von uns.

Die Sache mit dem Kreuz geht aus wie das Hornberger Schießen. Das ist in diesem Fall nicht schlecht. Von der Kunst sind keine Antworten darauf zu erwarten, wie mit der heutigen Erregungsgesellschaft zu Rande zu kommen ist – zumal Theresia Walser in der analogen Welt notgedrungen die Brutstätte der (Selbst-)Empörung außer acht lassen muss: das Internet und seine Echokammern. Dass sich das allerdings auch für die Inszenierung insgesamt sagen lässt, ist weniger gut. Man hätte sich deutlich einen zuspitzenden, einen wagemutigeren Zugriff gewünscht. "Die Empörten" verdienen eine zweite Chance.

Aufführungen in Salzburg bis 29. August. Stuttgarter Premiere:19. Januar 2020.