Kampf gegen Corona

Kritik an Astrazeneca-Stopp in einigen Ländern – weniger Lieferungen für EU

Michael Saurer und dpa

Von Michael Saurer & dpa

Fr, 12. März 2021 um 21:23 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Einige Länder haben Impfungen mit Astrazeneca ausgesetzt. Daran gibt es massive Kritik – denn ein Zusammenhang mit den Blutgerinnseln ist nicht erwiesen. War nur eine Charge fehlerhaft?

Nachrichten zu Astrazeneca im Überblick
  • Experten kritisieren, dass Staaten wie Dänemark, Norwegen und Island Corona-Impfungen mit dem Vakzin des Herstellers Astrazeneca aussetzen. Es gebe keinen erwiesenen Zusammenhang zwischen Impfung und aufgetretenen Blutgerinnseln.
  • Die EU-Arzneimittelbehörde EMA von Einzelfällen, bei denen allergische Reaktionen bei der Impfung mit diesem Vakzin in Großbritannien aufgetreten seien.
  • Astrazeneca kündigt am Freitagabend zum wiederholten Male an, der EU deutlich weniger Impfstoff zu liefern als zuvor zugesagt.

Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca kann in seltenen Fällen allergische Reaktionen hervorrufen. Das teilte die EMA am Freitag in Amsterdam mit. In Großbritannien hätten 41 Menschen eine allergische Reaktion gezeigt – von 5 Millionen Geimpften. In "einigen dieser Fälle" sei eine ursächliche Verbindung zu dem Impfstoff wahrscheinlich, so die EMA. Mögliche allergische Reaktionen seien bereits früher im Risikoprofil des Impfstoffes genannt worden. Bereits zuvor wurde empfohlen, Geimpfte 15 Minuten unter Beobachtung zu lassen.

Die Meldung kam einen Tag, nachdem zunächst Dänemark das Impfen mit dem Vakzin des britisch-schwedischen Unternehmens für zunächst 14 Tage ausgesetzt hatte. Als Grund nannte die dänische Gesundheitsverwaltung Berichte über Blutgerinnsel, nachdem Menschen mit dem Präparat geimpft worden seien. Untersucht werde ein Todesfall in Dänemark. Zugleich stellten die Dänen klar, dass man noch nicht feststellen könne, ob ein Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und den Blutgerinnseln bestehe. In der Folge hatten andere Staaten, darunter Thailand und Bulgarien, die Impfungen mit dem Astrazeneca-Mittel ausgesetzt. Daran regt sich Kritik.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verwies am Freitag auf die EMA, die nach Beratung der Experten erklärt habe, dass es keine auffällige Häufung von Thrombosen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung gebe. Das für Deutschland zuständige Paul-Ehrlich-Institut komme zur selben Einschätzung. "Ich bedaure es, dass auf dieser Grundlage (..) einige Länder in der Europäischen Union das Impfen mit Astrazeneca ausgesetzt haben", so Spahn. Es gebe derzeit keinen Hinweis auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Impfung und Erkrankungen.

Auch Hartmut Hengel, Ärztlicher Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Freiburg, stimmt dem zu. "Ich halte es für eine katastrophale Entscheidung", sagt er über das Vorgehen Dänemarks, das viel mehr Schaden anrichte als es nutzen würde. Dass es bei millionenfachen Impfungen in sehr seltenen Fällen auch zu Komplikationen kommen könne, sei zu erwarten. Die allermeisten Impflinge hätten das Vakzin mit tolerablen Nebenwirkungen gut vertragen, betont der Freiburger Virologe.

Hengel vermutet, dass in skandinavischen Ländern generell eine erhöhte Sensibilität gegenüber Impfungen bestehe. Ein Grund könnte die Erinnerung an die Schweinegrippe sein, eine Viruserkrankung, gegen die 2009 und 2010 geimpft wurde. Damals kam es bei 31 Millionen verimpften Dosen zu 161 Fällen von Narkolepsie, einer schweren Nervenerkrankung.

70 Prozent der Fälle ereigneten sich in Schweden und Finnland, was dort breit debattiert wurde. Auch bei Impfungen gegen das HPV-Virus, das bei Frauen Gebärmutterhalskrebs verursachen kann, habe es aufgrund negativer Berichte in Dänemark 2014 einen drastischen Rückgang der Impfbereitschaft gegeben – zu Unrecht.

War nur eine Charge fehlerhaft?

Statistisch seien die aktuell berichteten Fälle von Blutgerinnseln wie auch der allergischen Reaktionen beim Vakzin von Astrazeneca – gerade im Vergleich zum bekanntermaßen hohen Risiko von Gerinnungsstörungen bei Covid-19-Patienten – nicht relevant, betont Hengel.

Allerdings gebe es die Möglichkeit einer fehlerhaften Charge. So hatte Österreich wegen eines Todesfalls und drei Erkrankten die Verwendung einer bestimmten Charge ausgesetzt. Estland und Litauen zogen nach. Nach Deutschland war die Charge nicht geliefert worden.

Laut dänischer Nachrichtenagentur Ritzau handelt es sich bei dem Todesfall in Dänemark um eine 60-Jährige; ihre Impfung stamme aus dieser Charge. Ob die Probleme produktionsbedingt sind, wird untersucht. "Natürlich ist die Idealvorstellung, dass alle Chargen gleich sind", so Hengel. "Aber bei einem so komplexen Produktionsverfahren, kann auch mal etwas schiefgehen." Nicht umsonst werde jede Charge auch einzeln vom Paul-Ehrlich-Institut geprüft und im Impfpass dokumentiert.

Weniger Astra für Europa – schon wieder

Indes kündigte Astrazeneca eine weitere drastische Kürzung seiner Impfstoff-Lieferungen in die EU an. Man beabsichtige, im ersten Halbjahr 100 Millionen Dosen zu liefern, davon 30 Millionen im ersten Quartal. Zuletzt war der Konzern von 220 Millionen Dosen bis Jahresmitte ausgegangen.

Schon vor Wochen hatte Astrazeneca Lieferkürzungen an die EU bekanntgegeben: von 80 Millionen auf 40 Millionen Dosen im ersten Quartal. Allerdings versprach der Hersteller, die Produktion schnellstmöglich hochzufahren und die EU aus anderen Teilen der "globalen Lieferkette" zu versorgen. "Leider werden Exportbeschränkungen die Lieferungen im ersten Quartal nun reduzieren, und werden dies wahrscheinlich auch im zweiten Quartal", hieß es nun. Die EU hatte den USA und Großbritannien vorgeworfen, anders als sie selbst keinen in den Ländern produzierten Impfstoff zu exportieren.