Bedrohte Wörter

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Sa, 08. September 2012

Kultur

Immer mehr Begriffe, die wir lieben, geraten in Vergessenheit. Ein kleines ABC zum "Tag der deutschen Sprache" .

Der heutige 8. September ist der deutschen Sprache gewidmet. Einmal im Jahr sollen wir darüber nachdenken, was wir an ihr haben. Dann können wir uns pflichtschuldig über die fortschreitende Anglisierung des Deutschen aufregen und uns an eingewanderten Wörtern wie Workflow oder Compliance reiben. Mehr Sprachbewusstsein kann nicht schaden. Deshalb widmet sich die Badische Zeitung am Tag der deutschen Sprache Wörtern, die wir lieben und die trotzdem vom Aussterben bedroht sind. Wir haben für Sie ein Alphabet der gefährdeten Wörter zusammengestellt. Dieses könnte natürlich auch ganz anders aussehen. Jeder hängt an anderen Wörtern.

ABERMALS

Ohne Martin Luther gäbe es die die deutsche Schriftsprache nicht. Mit seiner Übersetzung des Neuen Testaments wirkte der Reformator für Jahrhunderte stil- und sprachbildend. Lange war vielen Deutschen damit auch das Wort "abermals" vertraut, das sich oft in Luthers Bibelübersetzung findet. Inzwischen allerdings hat das Wort ein trauriges Schicksal ereilt: Es ist dem hölzern-aufgeblasenem "erneut" gewichen. Jetzt ist überall zu lesen und zu hören, dass es zu einem erneuten Ausbruch des Vulkans Soundso gekommen sei oder dass dieser oder jener Politiker erneut dies oder das gefordert habe. Das allmähliche Schwinden von "abermals" raubt der Sprache Kraft und Eindringlichkeit. Der Beweis dafür ist schnell erbracht. Man muss sich nur Luthers Übersetzung des bekannten Bibelwortes "Freut Euch in dem Herrn allewege. Und abermals sage ich Euch: Freut Euch" laut vorlesen und dabei "abermals" durch "erneut" ersetzen. Klingt schauerlich, oder?

BLÜMERANT

Zart und leicht kommt es daher, das blümerant, fast schon frech und lustig. Es weckt Erinnerungen an Sommerwiesen, Schmetterlinge im Bauch oder auch üppig mit floralem Muster bedruckte Tapeten in den 60er und 70er Jahren. Der Wortstamm führt zielstrebig hin zu den Blumen, dem Schönen, dem Anmutigen. Doch: Blümerant ist eine Mogelpackung. Eine unglaublich clevere. Denn was so sommerlich klingt und assoziiert, geht zurück auf die französische Modefarbe bleu mourant – mattblau, gern auch sterbend blau. Der Volksmund übernahm diese Bezeichnung für elende Gemütszustande. Und aus bleu wurde eben blü. Schlapp und schwindlig, flau im Magen – das ist blümerant. Ziemlich schön gemogelt, hm? Doch die heutige Sprachwelt mag’s direkter und hat kein Auge mehr für derlei Raffinessen. "Mir ist irgendwie komisch" war der Todesstoß für blümerant. CHOSE

Chose – das klingt doch ganz anders, nicht so beamtisch wie unser deutsches Wort Sache. Auch keineswegs so knochentrocken und distanziert wie Angelegenheit. Bei Chose schwingt halt immer ein bisschen Frankreich mit. Die französische Lebensart. Lockerer, entspannter wirkt’s. Manchmal aber geht es auch um Heikles, Brisantes, um was, das eher mit spitzen Fingern anzufassen ist. Und in einem prominenten Fall sind sogar die Frauen das Thema. Denn wie heißt es doch in Emmerich Kálmáns Operette "Die Csárdásfürstin" so schön: "Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht". Der Mann hat Recht. Tja, die Chose ist zum Schlager geworden. Mit Kolchose hat sie vermutlich wenig zu tun. Wie dem auch sei: Darum prügeln wir uns jetzt nicht. DORT

"Vorsicht auf der A5 zwischen Freiburg-Süd und Freiburg-Mitte. ...

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