Der Freidenker vom Bodensee

Karlheinz Schiedel

Von Karlheinz Schiedel

Sa, 01. Oktober 2011

Kultur

Fritz Mauthners monumentale "Geschichte des Atheismus" ist neu erschienen – eine Wiederentdeckung.

Am Glaserhäusle, einem kleinen, grün umrankten Anwesen am Rande der ehemaligen Bischofsresidenz Meersburg, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Über steile Weinberge hinweg öffnet sich rechts ein entzückender Blick auf die Mainau. Nach links gewendet breitet sich vor den Augen des Schauenden fast der gesamte Obersee aus. Bei klarer Luft ist das Alpenpanorama überwältigend. Kein Wunder, dass die große Dichterin Annette von Droste-Hülshoff dieses Kleinod in einem ihrer Gedichte besungen hat. Für Hedwig Straub und Fritz Mauthner muss es so etwas wie die Erfüllung eines Lebenstraums gewesen sein, als sie es 1909 erwarben und an den Bodensee übersiedelten.

Die Wege der beiden hatten sich einige Monate zuvor in Freiburg gekreuzt. Sie, 1872 als uneheliche Tochter eines badischen Notars in Emmendingen geboren, als knapp Zwanzigjährige der provinziellen Enge und dem Zugriff eines Freiburger Katecheten entflohen, nach Abitur und Medizinstudium im Auftrag der französischen Regierung einige Jahre als Ärztin in Algerien, Tunesien und Timbuktu tätig, war 1904 in den Breisgau zurückgekehrt, um ihre Medizinstudien zu vertiefen. Er, 1849 als viertes von sechs Kindern eines jüdischen Tuchhändlerehepaars im böhmischen Horice zur Welt gekommen, aufgewachsen in einem areligiösen Umfeld, hatte in Prag Jura studiert, lebte danach einige Jahre in Berlin, wo er sich als Autor von vielgelesenen literarischen Parodien und historischen Romanen einen Namen machte, ehe er sich mehr und mehr der Philosophie und der Sprachkritik zuwandte. Herausragend die dreibändigen "Beiträge zur Kritik der Sprache" und das "Wörterbuch der Philosophie". Autoren wie Ludwig Wittgenstein, Samuel Beckett oder James Joyce gehörten zu seinen Lesern und holten sich Anregungen bei Fritz Mauthner.

Eine Ideengeschichte des

emanzipierenden ...

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