Kunst, die unter die Haut geht

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 08. Dezember 2019

Kunst

Der Sonntag Die menschlichen Kehrseiten des Kapitalismus im Museum – "Circular Flow" in Basel.

Die Ausstellung "Circular Flow. Zur Ökonomie der Ungleichheit" im Basler Kunstmuseum – Gegenwart ist ein politisches Statement. Sie sprengt die Grenzen des Kunstbegriffs und frisst sich unter die Haut.

Es braucht keine Horrorbilder im eigentlichen Sinn. Den 15-Stunden-Akkordtag chinesischer Wanderarbeiter in Echtzeit gefilmt zu erleben und ihnen über die Schulter und die unter dunkelblauem Baumwollstaub verschwindende Nähmaschine zu blicken, reicht allein fast aus, um sich das Ausmaß dessen vor Augen zu führen, was die Kehrseite von oder die Bedingung für grenzenlosen Profit und Konsum auf der einen Seite der Welt ist: Billiglöhne und extreme Lebens- und Arbeitsbedingungen auf der anderen. Seinem Werk hat der chinesische Dokumentarfilmer Wang Bing den lapidaren Titel "15 Hours" gegeben. Damit ist fast schon alles gesagt.

Es ist müßig zu diskutieren, ob das nun Kunst ist und ins Museum gehört oder nicht. Eine gerade Linie führt hier auch zum erweiterten Kunstbegriff eines Joseph Beuys, der am St.-Alban-Rheinweg bekanntermaßen zu den heimlichen Hausheiligen zählt. Sein Name fügt sich naheliegenderweise auch ein in die lange Reihe der Künstler, deren Werke Kurator Søren Grammel aus dem Sammlungsbestand des Kunstmuseums zusätzlich präsentiert. Er stellt sie als eine Art Hauskommentar neben jene die Ausstellung tragenden 15 zeitgenössischen künstlerischen Positionierungen.

Ungleichheit sei keine ungewollte Nebenwirkung, sondern vielmehr das tragende Prinzip globaler Ökonomie, so lautet eine der grundlegenden Thesen der Ausstellung. Auch dass Globalisierung kein Phänomen unserer Tage ist, sondern weit zurückreicht in die Geschichte und allerspätestens mit der ersten Weltumsegelung (1519-1522) Ferdinand Magellans beginnt, belegt "Circular Flow" an diversen Beispielen. So werden etwa Druckgrafiken von Pieter Bruegel dem Älteren aus der Mitte des 16. Jahrhunderts gezeigt, die mit Kanonen bewaffnete Handelsschiffe unter holländischer Flagge auf sich kräuselnder See kreuzen lassen. Die Drucke aus dem Kupferstichkabinett hängen nicht im Original, sondern sind, wie Grammel sich ausdrückt, von aller Patina befreite Faksimile-Drucke, die die Schiffe als Demonstration der Macht und in umso größerer Wehrhaftigkeit zeigen.

Kolonialisierung und Sklavenhandel von einst scheinen da auf neben hemmungsloser Ressourcenausbeutung von heute, diktierten oder im Gegenzug für Entwicklungshilfe erkauften Marktöffnungen und schrankenlosen Zugängen für Konzerne und Großunternehmen der westlichen Welt.

Die Ware Mensch ist hier Thema, ganz gleich ob im globalisierten Produktionskreislauf mit Billiglohn-Proletariat oder mit Millionen von ihrerseits über die Welt verteilten und ständig weiter verschobenen und verschacherten Sexarbeiterinnen, denen zumeist eine ganz andere Arbeit versprochen worden war, bevor sie im Räderwerk des Business und meist weit, weit weg von ihrem eigenen Umfeld nur noch untergehen können.

Wenn von freiwilliger und unfreiwilliger Mobilität die Rede ist, sind diese modernen Zwangsarbeiterinnen, wie sie Ursula Biemann in ihrem Videobeitrag thematisiert, die eine Seite, weltweite Flüchtlingsströme die andere. Mit dem Problem jener 70,8 Millionen Menschen, die nach Zahlen des UN-Flüchtlingshilfswerks Ende 2018 weltweit auf der Flucht waren, befasst sich Richard Mosses großformatige Videoinstallation auf 16 Flachbildschirmen. Der irische Fotograf hat sich dazu einer vom Militär eingesetzten Überwachungs- und Wärmebildkamera bedient, die menschliche Körperwärme aus einer Entfernung von bis zu 30 Kilometern gestochen scharf wiedergeben kann, und so Menschen in einer berüchtigten, weil völlig überfüllten Erstaufnahmeunterkunft auf dem griechischen Lesbos gefilmt. Die große Distanz nimmt den Figuren jede Persönlichkeit, versetzt die Besucher aber auch in eine Überwacherperspektive.

Immer wieder werden die aktuellen und zum Teil eigens für die Ausstellung geschaffenen oder angepassten Arbeiten Werken aus der Sammlung gegenübergestellt. So trifft Paul Gauguins exotisierende Südsee-Bildwelt beispielsweise auf Lisa Raves Videoessay zum aktuellen Geschäft mit den sogenannten seltenen Erden. Hier geht es um das in den Gehäusen von Tiefseeorganismen vorkommende Europium, das unter anderem die Kommunikations- und Unterhaltungsindustrie benötigt, dessen Gewinnung aber die Lebensgrundlagen ganzer Bevölkerungsgruppen schädigt oder zerstört.

Auch Andreas Siekmann nimmt sich dieses Themas an und besetzt einen ganzen Raum mit verschiebbaren Paneelen, in denen es um die etwa für Kleinbauern aus Indien oder vom afrikanischen Kontinent hochdramatische Monopolbildung auf dem Saatgutmarkt geht.

Auf den ersten Blick wie ein Kinderspiel nimmt sich dagegen Claus Richters Installation zur sogenannten "Tulpenmanie" aus, die im Holland des 17. Jahrhunderts gleichsam zum ersten Spekulations- und Börsencrash der Geschichte führte. Schon hier pervertierte sich eine Form des "Circular Flow", des Wirtschafts- oder Geldkreislaufs, aufgrund der immer größer werdenden Gier der Akteure selbst.
Circular Flow Kunstmuseum Basel – Gegenwart, St. Alban-Rheinweg 60, Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr (bis 3. Mai).