Problem für Vereine

Kunstrasenplätze mit Gummi-Granulat könnten bald verboten werden

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

Mo, 17. Juni 2019 um 16:21 Uhr

Südwest

Der Sonntag Viele kicken drauf, kaum jemand weiß um die Brisanz: Kunstrasenplätze mit Granulat sollen bald nicht mehr erlaubt sein. Betroffen von einer neuen EU-Verordnung wären auch Vereine in Südbaden.

Man braucht nur vor die Haustür zu gehen und schon trifft man auf den ehrgeizigen Amateur-Fußballverein, mit vielen Mannschaften und zahlreichen Junioren und Juniorinnen. Dessen Verantwortliche haben vor einem halben Dutzend Jahren viel Geld in die Hand genommen – mindestens 300.000 Euro –, um den ungeliebten Hartplatz neben dem Hauptspielfeld in einen modernen Kunstrasenplatz umzugestalten.

Granulat stammt zumeist aus Altreifen-Gummi

Sie folgten einem europaweiten Boom, denn schließlich kann man auf Kunstrasen nahezu bei jeder Witterung trainieren, sein Flor – anders als der übliche Naturrasen – verträgt außerdem beliebig viele Übungseinheiten. Gut vorstellbar, dass niemand ihnen damals sagte, dass sie sich damit zu Umweltsündern machen. Mehr noch: In der Regel wurden die Vereine dabei von der öffentlichen Hand bezuschusst, in Südbaden kann man über den Badischen Sportbund Landesmittel beantragen, die aus dem sogenannten Toto-Lotto-Pool fließen.

Doch nun droht dem Fußballverein Ungemach: Ist nämlich sein ein paar Jahre alter Kunstrasen mit Granulat verfüllt, das zumeist aus Altreifen-Gummi hergestellt wird, emittiert dieser große Mengen schädliches Mikroplastik. Derart viel, dass am 11. Januar die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) der Europäischen Kommission empfohlen hat, das "bewusst zugesetzte" Mikroplastik zu verbieten. Aus Brüssel ist zu vernehmen, dass dieses Verbot 2021/22 tatsächlich in Kraft treten soll.

Badischer Sportbund hüllt sich in Schweigen

Beim Badischen Sportbund (BSB) mit Sitz in Freiburg weiß man nur zu gut, dass davon nicht wenige Kunstrasen-Sportplätze in der Region betroffen wären. Doch in dieser Angelegenheit hüllt sich der BSB in Schweigen, sogar die Zahl der in den vergangenen Jahren bezuschussten Plätze wird derzeit nicht offengelegt. Der BSB teilte diese Woche nur mit, man stehe in puncto Kunstrasen hinter einer Stellungnahme des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und ansonsten berate man die Vereine, die gerade Kunstrasenplätze planen oder bauen, nicht mehr auf Granulat-, sondern auf Korkverfüllungen zu setzen.

Der FC Freiburg St. Georgen hat erst im vergangenen Jahr seinen Kunstrasenplatz bauen lassen und auf Kork gesetzt – ein EU-Verbot muss der Landesligist nicht fürchten. Anders sieht es beispielsweise beim SV Weil aus. Der Traditionsverein wählte vor mehreren Jahren beim Bau des Kunstrasen-Trainingsplatzes das falsche Infill: Granulat.

Der Weiler Bürgermeister und der Winterrasen

Inzwischen wälzt in Weil der Erste Bürgermeister Christoph Huber norwegische und kanadische Studien über die Umweltverträglichkeit der Rasenverfüllungen und kommt zum Fazit, den wirklich guten Kunstrasen mit Infill gebe es wahrscheinlich gar nicht: Gummi-Granulat schleudert Mikroplastik in die Umwelt, der Quarzsand sorgt für Feinstaub, und ob es gut sei, wenn alle Kunstrasenplätze mit Kork verfüllt wären, könne noch niemand sagen. Deshalb hat sich Bürgermeister Huber in der Schweiz umgesehen, und in der Region in Lahr, Ettenheim und Weisweil, und glaubt nach den dort gemachten Beobachtungen, die beste Lösung sei der Naturwinterrasen, dessen in Lavalit eingepflanztes Gras auch bei widrigem Wetter das Fußballspielen noch ermöglicht.

Doch derzeit stehen der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und der Deutsche Olympische Sportbund vor rund 5 000 Kunstrasenplätzen republikweit, von denen sie behaupten, man wisse nicht genau, wie umweltschädlich jeder einzelne sei, schon weil die Granulatverfüllungen oft sehr unterschiedlich sind. In Richtung Brüssel haben sie gemeinsam ein Positionspapier verfasst, dass nur so von Zahlen strotzt. Der Grundtenor lautet: In Deutschland gibt es 7 Millionen Fußballer in 25.000 Vereinen und 155.000 Mannschaften – die bedeutendste zivilgesellschaftliche Bewegung schlechthin. Eine übereilte Sportstättenreduzierung sei nicht hinnehmbar, die Europäische Kommission müsse mindestens bis 2028 eine Übergangsfrist einräumen, damit die Vereine Zeit hätten, ihre Plätze anzupassen – mit umweltverträglicheren Verfüllungen und Kunstrasenflächen. Ebenso argumentiert der Deutsche Städtetag.

In Freiburg hat der Sportausschuss sich mit dem Thema beschäftigt, im Herbst ist eine grundsätzliche Stellungnahme zu erwarten – wohl im Windschatten des Städtetages. Indes fordern fraktionsübergreifend baden-württembergische Landtagsabgeordnete, darunter der Emmendinger Alexander Schoch von den Grünen, Kunstrasenplätze mit Granulat sollen nicht mehr bezuschusst werden. Doch diese Einsicht kommt spät, nachdem jahrelang die Vereine ermuntert wurden, auf Kunstrasen zu setzen. In der Sportszene hingegen herrscht allgemeine Verunsicherung, ob des Booms und seiner Folgen.