Corona-Krise

Kurzarbeit sichert in Deutschland aktuell fast 3 Millionen Jobs

dpa, afp, Ronny Gert Bürckholdt

Von dpa, afp & Ronny Gert Bürckholdt

Do, 30. Juli 2020 um 21:34 Uhr

Wirtschaft

Deutschland kann in der Pandemie am Arbeitsmarkt Schlimmeres verhindern – auch dank Rücklagen. Volkswirte sehen den Tiefpunkt der Krise überwunden und rechnen mit einer Erholung der Wirtschaft.

Ist das schon die Wende zum Besseren? Die Nachfrage der deutschen Unternehmen nach Kurzarbeit geht zurück, ohne dass dadurch die Arbeitslosigkeit stark steigen würde. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) warnt aber vor allzu großem Optimismus. "Es sieht so aus, als könnte da noch etwas kommen", heißt es mit Blick auf möglicherweise vermehrte Firmenpleiten im Herbst.

Die Zahl der Arbeitslosen ist in Deutschland im Juli kaum noch gestiegen – und laut der BA habe das nichts mit dem Coronavirus zu tun, sondern mit dem Sommer. Vor den Sommerferien stellen weniger Betriebe neue Mitarbeiter ein und Ausbildungsverhältnisse enden. Die Arbeitsmarktexperten sprechen deshalb vorsichtig davon, dass sich der Arbeitsmarkt vorerst stabilisiert habe.

Im Land gibt es etwas mehr Arbeitlose – die Quote bleibt bei 4,4 Prozent

In Baden-Württemberg sind die Folgen der Corona-Krise auf dem Arbeitsmarkt schwächer geworden. Zwar nahm die Zahl der Arbeitslosen im Juli nochmals zu. Verglichen mit den Vormonaten lasse die Dynamik aber weiter nach, wie die Regionaldirektion der BA in Stuttgart mitteilte. 280.700 Menschen waren zuletzt im Südwesten als arbeitslos registriert – 1,5 Prozent mehr als im Juni. Die Quote blieb bei 4,4 Prozent. Auch in Südbaden gab es verglichen mit dem Vormonat nicht oder kaum mehr Arbeitslose (siehe Grafik).

Die Nachfrage nach Kurzarbeit durch die Unternehmen habe inzwischen deutlich nachgelassen, sagte Daniel Terzenbach, der im Vorstand der BA sitzt. Im Mai hatte diese einen Rekorderwert in der Geschichte der Bundesrepublik erreicht. 6,7 Millionen Menschen waren quer durch viele Branchen in Kurzarbeit. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt jener Rezession, die die Finanzkrise 2009 ausgelöst hatte, arbeiteten 1,5 Millionen Menschen vorwiegend in der Industrie kurz. Damals wie heute habe die Kurzarbeit größeren Schaden vom Arbeitsmarkt abgewendet, betonte Terzenbach. In den vergangenen drei Monaten habe diese Millionen Jobs gesichert. Allein im Mai seien es gut 2,9 Millionen gewesen.

Nach Schätzungen der Bundesagentur könnte die Zahl der Kurzarbeiter im Juni bei noch 4,5 Millionen gelegen haben. "Der Höhepunkt der Inanspruchnahme dürfte damit überschritten sein", so Terzenbach. Auch nach einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung geht die Kurzarbeit zurück – allerdings langsam. Dazu passt, dass die deutschen Unternehmen im Juli für nur noch 190.000 Menschen konjunkturelle Kurzarbeit neu angezeigt haben und damit für deutlich weniger als noch im März und April, als insgesamt Anzeigen für 10,7 Millionen Menschen eingingen. Die Zahl der Menschen, die tatsächlich in Kurzarbeit ist, liegt erfahrungsgemäß niedriger. Die Unternehmen melden die Kurzarbeit oft vorsorglich an.

Kurzarbeitergeld wird in der Corona-Krise in der Regel zwölf Monate lang gezahlt, in Ausnahmefällen bis 21 Monate. Geht ein Beschäftigter in die Kurzarbeit, bleibt sein Arbeitsverhältnis bestehen, er reduziert aber seine Arbeitszeit. Entsprechend sinkt sein Lohn. Der Staat gleicht derzeit bei Kinderlosen 60 Prozent des entgangenen Nettolohns aus, ab dem vierten Monat 70 Prozent, ab dem siebten Monat 80 Prozent. Bei Eltern sind es 67, 77 beziehungsweise 87 Prozent. Die Bundesregierung hatte diese Summen nach Ausbruch der Corona-Krise angehoben. Die derzeitigen Sonderregeln gelten vorerst bis Ende des Jahres. Ebenso diese: Wer in Kurzarbeit ist, darf Geld anrechnungsfrei dazuverdienen – bis zur Höhe seines früheren Monatseinkommens.

Volkswirte rechnen mit einer Erholung der Wirtschaft – wenn die Infektionszahlen nicht steigen

Volkswirte sehen den Tiefpunkt der Corona-Krise überwunden und rechnen mit einer Erholung der Wirtschaft, vorausgesetzt die Infektionszahlen bleiben niedrig. Das macht auch der Bundesagentur Hoffnung. Dennoch werde der Arbeitsmarkt noch lange mit den Folgen der Pandemie und den Maßnahmen zur Eindämmung zu kämpfen haben, betonte Terzenbach. "Wer während der Corona-Krise seinen Job verloren hat, hat es deutlich schwerer, einen neuen zu finden."

Seit Beginn der Krise sind laut BA 635 000 Menschen entlassen worden, konnten eine neue Stelle nicht antreten oder nicht an einer Weiterbildung teilnehmen. Im Mai habe es im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eine halbe Million sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse weniger gegeben. Davon seien 100 000 verlorengegangen, 400 000 gar nicht erst entstanden.

11,3 Milliarden Euro hat die Bundesagentur seit Jahresbeginn an Kurzarbeitergeld ausgezahlt. "Diese Größenordnung hat es in der Geschichte der Bundesagentur für Arbeit noch nicht gegeben", sagte Finanzvorständin Christiane Schönefeld. Zwar ist die BA mit einem dicken Finanzpolster von 26 Milliarden Euro ins Jahr gestartet. Schätzungen gehen aber davon aus, dass die Summe am Jahresende aufgebracht sein wird und vier Milliarden Euro in der Kasse fehlen. Dann müsste der Steuerzahler Geld zuschießen.

Mit Sorge blicken die Arbeitsmarktexperten auf den Herbst. "Es sieht so aus, als könnte da noch etwas kommen", sagte Terzenbach. Bisher gebe es weniger Insolvenzverfahren als in den Jahren der Finanzkrise. "Momentan sind wir auffällig unauffällig", betonte er. Aber: Wegen der Corona-Krise sind eigentlich zahlungsunfähige Firmen vorübergehend von der Pflicht befreit, einen Insolvenzantrag zu stellen. Diese Schonzeit endet am 30. September.