Interview

Landesgartenschau 2022 in Neuenburg: "Die lange Zeit bietet Chancen"

Susanne Ehmann

Von Susanne Ehmann

So, 02. Mai 2021 um 17:35 Uhr

Neuenburg

Kristina Hack ist eine der Landschaftsarchitektinnen hinter der Gestaltung des Landesgartenschaugeländes in Neuenburg. "Die Rheinterrasse war mutig", sagt sie.

Hinter der Gestaltung des Landesgartenschaugeländes in Neuenburg steht das Büro "Geskes.Hack Landschaftsarchitekten" in Berlin. Von dort stammt das Konzept, das zurzeit bis ins kleinste Detail umgesetzt wird. Wir haben Kristina Hack auf dem Gelände getroffen, auf dem zurzeit viel gewerkelt wird.

BZ: Frau Hack, zuallererst: Was genau machen Landschaftsarchitekten?
Hack: Alles, was rund um Gebäude passiert: Parkanlagen, Stellplätze, Spielplätze, Golfplätze, Wohnumfeld. In unserer Arbeit steckt Kreativität, Mathematik, Biologie, aber nicht immer zu gleichen Teilen. Wir müssen vieles berechnen, Kosten, Erdmassen, Gefälle, Höhenkonzepte, gleichzeitig sind wir aber in der Natur, wo man vieles nicht berechnen kann. Luft, Klima, Flora und Fauna sind unsere Arbeitsmaterialien. Das muss alles zusammenpassen, kein Aspekt darf unbeachtet bleiben.
Zur Person: Kristina Hack, 1967 geboren in Bayreuth, hat an der Technischen Universität Berlin Landschaftsarchitektur studiert und mit Diplom abgeschlossen. 1995 gründete sie gemeinsam mit Christof Geskes das Büro "Geskes.Hack Landschaftsarchitekten" Berlin. Das Büro plant die Daueranlage und die Ausstellung der Landesgartenschau in Neuenburg und ist dann noch mit dem Ausstellungsrückbau beauftragt. Doch auch nach 2022 ist die Fläche nicht fertig, sagt Landschaftsarchitektin Kristina Hack. "Die Planung ist nie gänzlich abgeschlossen, es gibt noch viele Ideen, Potenziale. Ein Park wird mit den Jahren immer schöner."

BZ: Ihr Büro hat viel Erfahrung mit der Planung von Gartenschauen, von der Internationalen Gartenschau in Berlin bis zur Landesgartenschau in Gießen. Wie kam das? Und sind die Gartenschauen alle ähnlich oder ist jede anders?
Hack: Es macht uns einfach Spaß. Seit 2009 haben wir zehn Gartenschauen in verschiedenen Bundesländern realisiert. Die Aufgabenstellung ist immer neu, das ist das Schöne daran. 2010 haben wir beispielsweise die Landesgartenschau Hemer in Nordrhein-Westfalen gemacht. Das war ein ehemaliges Kasernengelände und Strafgefangenenlager, etwas ganz anderes also als in Neuenburg. Aber auch die Menschen und ihre Bedürfnisse unterscheiden sich von Ort zu Ort, das Klima, der Boden, die Topografie, das muss bei der Planung alles berücksichtigt werden.

"Neuenburg ist mediterran angehaucht, wie in Italien auf dem Corso sollen die Menschen hier auf der Rheinterrasse flanieren." Kristina Hack
BZ: Wie läuft die Planung für eine Gartenschau ab, wie war das in Neuenburg?
Hack: Am Anfang machen wir intensive Ortsbegehungen. Ich muss vor Ort gewesen sein, um die dortige Stimmung zu erfassen. Normalerweise kommen wir im Team, in Neuenburg war ich beim ersten Mal alleine da. Das ist knapp zehn Jahre her. Es war ein heißer Tag und ich habe mich auf dem Gelände überhaupt nicht zurechtgefunden. Irgendwie habe ich mich durch das Dickicht geschlagen, zum Rhein runter. Wir haben dann Skizzen gemacht, verschiedene Varianten geprüft. Eine erste Eingebung, die Rheinterrasse, haben wir erst wieder zurückgenommen und dann doch wieder aufgegriffen. Das war mutig, es hätte auch sein können, dass diese 665 Meter lange und 35 Meter breite Schneise die Landschaft zerreißt. Unser Gedanke war aber, dass wir in Neuenburg nicht zu kleinteilig arbeiten können. Der Effekt wäre verpufft. Gerade die Rheinterrasse hat der Jury besonders gut gefallen und sie überzeugt. 2013 haben wir den landschaftsplanerischen Wettbewerb mit unserem Konzept gewonnen.

BZ: Wie entstand überhaupt die Idee zu einer Promenade wie der Rheinterrasse?
Hack: Die Terrasse soll einen urbanen Charakter haben, um so ein Stück Stadt an den Rhein zu holen und damit auch die Menschen. Neuenburg ist mediterran angehaucht. In Italien flanieren die Menschen auf dem Corso, so etwas wie der Hauptstraße, das ist hier auch angedacht, verbunden mit verschiedenen Aufenthaltsbereichen, Schattendächern, einem Spielplatz, Gärten. Mit Blick auf die Kulisse des Schwarzwalds, Wiesen und Obstbäume auf der einen und den Rheinauen auf der anderen Seite. Ich hoffe, dass sich das Projekt in diese Richtung entwickeln wird.

"Der Rhein stellt in Neuenburg einen besonderen Höhepunkt dar, den andere Städte nicht vorweisen können." Kristina Hack
BZ: Was unterscheidet Neuenburg ansonsten von anderen Gartenschauen?
Hack: Eine wahnsinnige Herausforderung sind die flankierenden Projekte, die gleichzeitig in der Stadt realisiert werden. Ich war das letzte Mal im Januar 2020 hier, seither hat sich viel getan. Und dann war hier die Kampfmittelbeseitigung enorm. Eine weitere Herausforderung ist die Trennung durch die Autobahn. Das Thema Orientierung, wie führe ich die Besucher von der Stadt an den Rhein, war im Wettbewerb ein großes Thema. Denn der Rhein stellt in Neuenburg einen besonderen Höhepunkt dar, den andere Städte nicht vorweisen können. Und die Stadt hat bei uns die bisher längste Bearbeitungszeit. Sie hat sich einfach frühzeitig beworben. Manche Städte planen Gartenschauen auf den letzten Drücker, innerhalb von zweieinhalb Jahren. Die lange Zeit bietet Chancen, birgt aber auch Herausforderungen, weil sich währenddessen vieles verändert. Man braucht einen langen Atem.

BZ: Wann wissen Sie, dass Ihre Planung für die Gartenschau ein Erfolg wurde. Erst wenn alles vorbei ist oder bereits zum Start?
Hack: Ein Erfolg ist erstmal, wenn die Daueranlage steht, wie geplant. Die Ausstellung selbst ist dann von vielem abhängig, vom Wetter beispielsweise, das kann man im Vorfeld nicht alles genau berechnen. Und dann ist es ein Erfolg, wenn das Gelände auch nach der Landesgartenschau das ganze Jahr über von den Bürgern angenommen wird und dort das Leben brummt.