Interview

Landschaftsforscher: "Wir sollten heimische Arten nicht unterschätzen"

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

Fr, 18. September 2020 um 09:25 Uhr

Südwest

Frank Schurr von der Universität Hohenheim untersucht, wie sich natürlich wachsende Wälder an die Umwelt anpassen. Naturwälder seien genetisch vielfältig und entsprechend widerstandsfähig.

Wälder, die ohne Einfluss des Menschen entstehen, verfügen über eine hohe genetische Vielfalt und sind entsprechend widerstandsfähig. Das ist ein Ergebnis einer länderübergreifenden Studie unter der Beteiligung der Universität Hohenheim. Über die Schlussfolgerungen aus diesen Erkenntnissen sprach Klaus Riexinger mit Frank Schurr, Professor für Landschaftsökologie in Hohenheim.

BZ: Herr Schurr, Sie haben in einer Studie spontane Waldbildungen – Sponforest – untersucht. Was war der Anlass?
Schurr: Insbesondere in Südeuropa werden häufig sogenannte Grenzertragsflächen aufgegeben – also Gebiete in Hanglagen oder solche mit kargen Böden, die sich nur schwer bewirtschaften lassen. Dort macht sich Wald breit. In kleinerem Umfang gibt es das auch in Deutschland.

BZ: Warum sind spontan gewachsene Wälder gut an den Standort angepasst?
Schurr: Unsere Forschungen bieten dazu nur einen von vielen Mosaiksteinen. Auffällig ist aber, dass spontan gewachsene Wälder eine hohe genetische Diversität erreichen können. Die Vielfalt kommt dadurch zustande, dass Samen und Pollen aus benachbarten Wäldern eingetragen werden. Aus anderen Studien ist bekannt, dass viele Baumarten eine hohe genetische Vielfalt haben, die sie entsprechend gut auf Veränderungen in der Umwelt reagieren lassen. Durch Ausleseprozesse setzen sich die Genotypen durch, die am besten an die lokalen Standortbedingungen angepasst sind.

"Wir erwarten nicht, dass sich nur eine Baumart durchsetzt, wenn ein Wald ohne menschliches Zutun wächst."
BZ: Forstwissenschaftler bezweifeln dies. Sie argumentieren, dass in der Natur oft eine Baumart dominant ist. Und wenn die von einem Schädling befallen wird, hat der ganze Wald ein Problem.
Schurr: Wir erwarten nicht, dass sich nur eine Baumart durchsetzt, wenn ein Wald ohne menschliches Zutun wächst. Auch naturnahe Wälder weisen eine hohe Vielfalt von Baumarten auf. Das war auch schon so, bevor es eine Forstwirtschaft gab. Selbstverständlich sind die natürlichen Prozesse aber weniger planbar, als wenn der Mensch lenkend eingreift.

BZ: Könnte Sponforest helfen, die Wälder an den Klimawandel anzupassen?
Schurr: Wir haben hauptsächlich Wälder untersucht, die kaum forstwirtschaftlich genutzt werden. Der Vergleich mit ertragreichen Wäldern ist also schwierig. Studien zeigen aber, dass wir die Anpassungsfähigkeit unserer heimischen Baumarten durch den Klimawandel nicht unterschätzen sollten. Aus dem Absterben von Bäumen infolge der Trockenjahre dürfen wir nicht ableiten, dass wir jetzt auf Baumarten wie die Douglasie aus Nordamerika angewiesen sind. Waldbaumarten mit großer geographischer Verbreitung haben auch eine erhebliche genetische Variationsbreite. Manche dieser Bäume haben eine größere Trockentoleranz. Sie sind also gut an Klimaveränderungen angepasst. Die Buche etwa ist von Südeuropa bis nach Norwegen verbreitet. Dadurch, dass Pollen bis zu hunderte Kilometer weit fliegen, können auch die passenden Genotypen zu uns kommen.

BZ: Und die setzen sich dann durch?
Schurr: Ja. In der Keimlings- und Jugendphase wirkt die natürliche Auslese am stärksten. Bäume, die heute 80 Jahre alt sind, haben vor 80 Jahren die Keimlingsphase durchlaufen. Diese Bäume sind folglich an die Klimaverhältnisse von damals angepasst – aber wahrscheinlich nicht an die aktuellen. Gleichzeitig haben Bäume, wenn sie erstmal groß sind, ein großes Beharrungsvermögen. Das macht es gut angepassten Jungbäumen schwer, groß zu werden.

BZ: Lassen sich Ihre Erkenntnisse auf die bestehenden Wälder übertragen – wenn man sie sich also selbst überließe?
Schurr: Ich plädiere nicht für die Abschaffung der Forstwirtschaft. Aber es ist ratsam, ökologische und evolutionäre Prozesse auch in der Forstwirtschaft zu berücksichtigen: Saatgut verschiedener Herkunft, genetische Vielfalt einzelner Baumarten und weg vom reinen Altersklassen-Wald. Letztlich gilt in Wäldern ähnliches wie am Aktienmarkt: Ein breites Portfolio von Baumarten und Genotypen ist langfristig erfolgversprechender.
Frank Schurr (46) ist seit 2014 Professor für Landschaftsökologie und Vegetationskunde an der Uni Hohenheim. Er untersucht, wie Bäume und Sträucher auf eine sich wandelnde Umwelt reagieren.