Offenburg

Legal high werden: das Heaven’s Carousel auf dem Platz der Verfassungsfreunde

Ralf Burgmaier

Von Ralf Burgmaier

Do, 03. September 2020 um 20:10 Uhr

Offenburg

Klangerlebnis durch Dopplereffekt: Ab Samstag rotiert auf dem Platz der Verfassungsfreunde jeden Abend bis 20. September Tim Otto Roths "Heaven’s Carousel".

Jeder kennt den Dopplereffekt. Der Rettungswagen rauscht heran, die Schallwellen des Martinshorns werden im Ohr zusammengequetscht und klingen damit immer höher. Sobald der Wagen mit ohrenbetäubendem Lärm an uns vorbeigerauscht ist, erreichen uns längere Schallwellen und die Tatütata-Tonhöhe sinkt rapide ab. Den Effekt nutzt Tim Otto Roth für seine Musik, die er ab Samstag auf dem Platz der Verfassungsfreunde durch sein "himmlisches Karussell" jagt.

Genug Raum, um eine Katze zu schwingen

Donnerstagnachmittag auf dem Platz der Verfassungsfreunde. Auf dem ehemaligen Exerzierplatz der früheren Ihlenfeldkaserne, heute Kulturforum, gibt es weiß Gott genug Platz, um eine Katze zu schwingen, um hier mal ein wenig menschenfreundliches englisches Marinesprichwort aus dem 16. Jahrhundert zu zitieren.

Bevor jetzt Tierfreunde anrufen: Es meint das Schwingen einer neunschwänzigen Katze, mithin einer Peitsche als Strafe für aufsässige Matrosen. Und auf dem Platz der Verfassungsfreunde gibt es mehr als genug Platz, um zwölf Schwänze, genauer gesagt: zwölf, rund neun Meter lange Kabeltrossen zu schwingen.

Mikrotonales Material für die rotierende Musik von Tim Otto Roth

Diese hängen an einem präzise steuerbaren Elektromotor, der seine Befehle, ebenso wie die 36 kugelrunden Lautsprecher, die in drei Ebenen übereinander an den Kabeltrossen hängen, aus der Steuerkabine auf dem Boden erhält. Dort sitzt Tim Otto Roth am Laptop und schickt per W-LAN-Signal Sinustöne aus exotischen Tonskalen an die einzelnen Lautsprecher. "Mikrotonale Skalen" nennt Roth sein Tonmaterial, das nicht wie die abendländische Tonleiter schon nach zwölf Tönen wieder die Oktave erreicht, also jenen Ton, der mit der doppelten Frequenz schwingt wie der Ausgangston. Dafür braucht es bei einer von Roth für seine Kompositionen verwendeten Skala sogar mehr als 50 Mini-Intervalle, mikrotonale Schritte eben.

Besonders bei Nacht auch ein optisches Ereignis

Wenn ein hoher Ton einen Lautsprecher erreicht, leuchtet dieser in einer bestimmten Farbe. Deshalb ist das himmlische Karussell – englisch: "Heaven’s Carousel" – vor allem bei Nacht auch ein optisches Ereignis. Bei besonders hohen Tönen leuchtet der Lautsprecher in dunklem Rot, bei besonders tiefen in dunklem Blau, entsprechend dem Farbspektrum.

Der Clou ist die Rotation, sie erzeugt den Dopplereffekt

So schickt Tim Otto Roth die Töne seiner Sinustonkompositionen an die verschiedenen Lautsprecher für ein mehrstimmiges, also polyphones Klangereignis.

Doch jetzt kommt der Clou: die Rotation. Der Elektromotor kann die Lautsprecher an den Kabeltrossen in zehn verschiedenen Geschwindigkeitsstufen im Kreis herumflitzen lassen. Auf der Außenbahn mit bis zu 50 Stundenkilometer. Und hier kommt der Dopplereffekt ins Spiel. "Stellt man sich genau unter die Nabe des Elektromotors auf den Platz der Verfassungsfreunde hört man ihn nicht", wie Roth bei der presseöffentlichen Projektvorstellung erklärte. Denn alle rotierenden, tönenden Lautsprecher sind gleich weit vom Zuhörerohr entfernt. Verlässt man aber das Zentrum verändert sich je nach Position der Klang durch den Dopplereffekt. Die Veränderung der Zuhörerposition im Raum verschafft – zusätzlich zum Fortschreiten der Komposition in der Zeit – eine Veränderung des Klangerlebnisses. Dieses Erlebnis auf dem Platz der Verfassungsfreunde, das von Samstag, 5. September, an bis 20. September jeden Abend von 20 bis 22 Uhr bei freiem Eintritt zu erleben ist, will erwandert sein. Man kann sich aber auch auf die Wiese legen und es genießen.

Ganz legal high durch Tim Otto Roths Sphärenklänge

Als 2015 das Heaven’s Carousel in Baltimore im US-Staat Maryland rotierte, war dort gerade Marihuana legalisiert worden. Bei der Eröffnungsrede sagte die Kuratorin laut Tim Otto Roth, dass es auch genüge, sich einfach unter das Carousel zu stellen, um high zu werden.