Leserbriefe

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Fr, 10. Juli 2020

Offenburg

Die palliative Seite der Organtransplantation

Wie kaum eine andere Fachdisziplin scheint die Transplantationsmedizin ein Stück Unsterblichkeit auf Zeit bieten zu können. Voller Bewunderung preisen Medien und die Politik diese Therapieform als Spitzenleistung des gesellschaftlichen Fortschritts an. Das transplantationsmedizinische Versprechen, die Nähe zum Tod durch den simplen Austausch eines Organs zu durchbrechen, vermittelt sich über ein hermetisches Wahrnehmungsschema. Vorher: vom Tod gekennzeichnete Patienten. Nachher: Menschen, die den Triumph der Überlebenden verkörpern. Das Sterben der Organspender verschwindet aber dabei von der Bildfläche. Die Heilsbotschaft vom "neuen" Leben verbannt jeden Impuls, auch "andere Seiten zu sehen". Denn die Transplantationsmedizin ist abhängig vom Sterben, vom lebendigen Körper anderer Patientinnen. Die gesellschaftliche Attraktivität der Transplantationsmedizin verbindet sich mit dem Geist der "flüchtigen Moderne". Sie hat die Verwandlung des Individuums in eine Ware befördert, dessen Körper am Lebensende für die Rettung anderer nutzbar wird. Die Kampagnen für "mehr Organe" sind einseitig. Sie blenden die palliativ-hospizliche Dimension des Lebens aus. Da wir nicht wissen, was genau beim Sterben des Menschen passiert, insbesondere mit seinem Bewusstsein, dem Geistig-Seelischen, darf nicht in den Sterbeprozess eingegriffen werden. Darum gibt mehrere Gründe, die für ein Verbot von Organspenden am Lebensende sprechen:

1. Organspender sind zum Zeitpunkt der Organentnahme nicht tot. Sie sind am Sterben und werden durch die Entnahme getötet.

Es können nur lebende Organe verpflanzt werden und diese können nur lebenden Körpern entnommen werden. Organspender sind bei der Organentnahme noch lebendig. Die implizite Behauptung der Transplantationsmedizin, sie entnehme lebende Organe postmortal, also von Toten, ist in sich ein Wiederspruch. Bei Menschen mit Hirnversagen/Hirntod gibt es viele Lebenszeichen. Solange sie beatmet und ernährt werden, regulieren sie die Körpertemperatur, bekämpfen Infektionen, heile Wunden. Organspender mit Hirnversagen sterben statt im Kreis ihrer Angehörigen im Operationssaal inmitten aufwendigster Technik durch die Organentnahme. Das ist eine traurige und für viele Menschen verstörende Vorstellung.

2. Es gibt kein Wissen darüber, was beim Tod mit dem Bewusstsein, dem Geistig-Seelischen, geschieht.

Wir wissen nicht, ob das Bewusstsein, das Geistig-Seelische, mit dem Eintreten des sogenannten Hirntods erlischt, oder ob es auf eine für uns nicht erfassbare Weise weiterexistiert. Wir wissen auch nicht, ob das Geistig-Seelische, sofern es weiterexistiert, noch leiden kann. Dies alles aber müssten wir wissen, um sicher zu sein, dass Organtransplantationen am Lebensende Spendern nicht schaden. Dass die Transplantationsmedizin ohne dieses Wissens Organe transplantiert, ist unhaltbar.

3. Der Sterbeprozess ist zum Zeitpunkt der Explantation noch nicht beendet und wird gestört.

Bei Menschen mit Hirnversagen sind 3 % des Körpers tot, 97 % leben noch. Zudem dauert es nach Herzstillstand ungefähr sieben Tage, bis die letzten Zellen im Körper gestorben sind. Der Sterbeprozess ist also bei der Explantation noch nicht abgeschlossen und wird gestört. Die Transplantationsmedizin am Lebensende kann nicht nachweisen, dass sie Spendern durch die Explantation und die Störung des Sterbeprozesses nicht schadet. Damit verstösst sie gegen fundamentale Regeln des medizinisch-wissenschaftlichen Handelns. Das ist in meinen Augen verantwortungslos.

Das Sterben des Organspenders im Operationssaal ist nicht nur ein unbegleitetes, sondern auch ein dem natürlichen Sterbeprozess widersprechendes. Die Organentnahme verhindert ein menschenwürdiges Sterben und raubt den letzten Abschied. Einen rechtlichen oder auch nur einen moralischen Anspruch auf die Überlassung fremder Organe kann es um die Würde des Organspenders und unser aller Würde willen darum auch nicht geben.

Dietmar Krieger
Dipl. Trauerberater und –begleiter (AMB),
Trauerpädagoge, VeränderungsCoach & Supervisor