Leserbriefe

Dr. med. Helge Scheibe (Bad Säckingen)

Von Dr. med. Helge Scheibe (Bad Säckingen)

Do, 28. November 2019

Bad Säckingen

VERSORGUNGSZENTRUM
Bad Säckingen hat zwölf Jahre verschlafen
Zum BZ-Artikel "Die Stadt schafft Arbeitsplätze für Mediziner" vom 27. November

Ich habe zum 31. Dezember 2006 meine urologische Praxis in der Schönaugasse geschlossen und dann mit der Allgemeinärztin Ute Reiniger ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) im Kreiskrankenhaus Bad Säckingen unter den Fittichen des Hegau Klinikums, das damals Träger des Spitals war, gegründet. Unser Ziel war es, zentral eine attraktive Anlaufstelle für die Säckinger Patienten zu schaffen mit dem Potential zur Erweiterung um andere Allgemeinärzte und Fachärzte. Das Ganze wurde heimlich von uns mit der Geschäftsführung in Singen geplant – wie auch aus dem Zeitungsartikel ersichtlich ist, um nicht schon im Vorfeld Widerstände gegen unser Vorhaben zu wecken, da ja im Aufsichtsrat ein Arztkollege aus Säckingen saß.

Wir waren damals Pioniere – "Verräter", die an ein Krankenhaus verkauft hatten und vermeintlich die niedergelassenen Ärzte schwächen würden. So waren auch gerade bei der Eröffnung eigentlich nur die leitenden Klinikärzte anwesend, die damalige niedergelassene Ärzteschaft pflegte offensichtlich ihr Feindbild. Der tiefere Sinn der Gründung des MVZ war eigentlich gewesen, dass die Patientenströme nicht weiter nach Waldshut geleitet würden, sondern im Hause bleiben sollten bzw. hier erst einmal ein Kontakt hergestellt würde, zu dem sie von Waldshut wieder zurückkehren sollten bzw. eine hausärztliche Versorgung in Säckingen finden würden. Der Standort sollte gestärkt werden, und es sollten ja längerfristig nicht nur zwei Fachgebiete im MVZ angeboten werden. Jeder Mensch braucht früher oder später einen Hausarzt, und den jetzt herrschenden Ärztemangel konnte schon damals doch jeder Arzt voraussehen. Wie dem auch sei, wir wurden ignoriert, ausgegrenzt und hatten Schwierigkeiten zu überleben. Man darf der Zeit nicht voraus sein hier in Säckingen! Nachdem ich dann 2008 überraschend meinen Ruf als Chef eines der größten Hausarztzentren der Schweiz von einer großen Krankenkasse bekommen hatte, bin ich auch heute lange nach der Pensionierung aushilfsweise in Hausarztpraxen in Zürich tätig und Lehrarzt am Institut für Hausarztmedizin des Unispitals Zürich. Hier in Bad Säckingen bekam ich dagegen einmal von einem Kollegen zu hören: Du bist doch bloß Urologe!

Mit dem Niedergang des damaligen Hegau Klinikums wurde unser MVZ dann geschlossen, und mein Nachfolger Dr. Holwegler arbeitet mit dem urologischen Teil des damaligen MVZ weiter im Seconia Haus. Bad Säckingen hat meine Erachtens eine damalige einmalige Chance verpasst, mit Blick in die Zukunft ein richtiges Medizinisches Zentrum am Spital nicht nur für die Stadt sondern auch die Region zu schaffen. Die Chance hatten wir und damit hätte das Krankenhaus vielleicht auch überlebt. Schade, aber vorbei ist vorbei. Und die wenigsten der Kollegen, die heute laut klagen, haben uns damals unterstützt.
Dr. med. Helge Scheibe, Bad Säckingen