Ratgeber

Die tägliche Dosis Scham: Die Hürden des Pflegeberufs

Kathrin Blum

Von Kathrin Blum

Mo, 26. Juni 2017 um 11:26 Uhr

Liebe & Familie

Wenn der Patient in der Badewanne eine Erektion bekommt: Kranken- und Altenpfleger werden in ihrem Beruf oft mit Scham konfrontiert. Der Umgang damit ist schwer. Ein Ratgeber will helfen.

Emma Goldbach* windet sich. Sie soll einen Patienten waschen. Einen älteren Herrn. Der jungen Frau, die im Rahmen ihrer Ausbildung zur Hebamme eine Praxisphase im Krankenhaus absolviert, ist die Intimpflege eines Mannes hochpeinlich. Sie schämt sich. Umso mehr, weil der demente Patient, ein früherer Nationalsozialist, in ihr aufgrund ihres Namens und ihres Aussehens eine Jüdin sieht. Seine despektierlichen Sprüche machen die Situation unerträglich, die Auszubildende ist den Tränen nahe. Mehr als 30 Jahre nach diesem Vorfall erinnert sich die heute 51-Jährige daran, als wäre es gestern gewesen.

Auch Henriette Riesterer* ist eine Begegnung im Gedächtnis geblieben, die ganz am Anfang ihres Berufslebens stand. Ihr Auftrag: "Eine Patientin auf den Topf setzen." Die angehende Krankenschwester hatte das noch nie gemacht, traute sich aber nicht, erfahrene Kollegen um Hilfe zu bitten. "Es ging schief", berichtet Riesterer. Für sie selbst war das gleichermaßen unangenehm wie für die Patientin. "Ich habe mich sehr geschämt, vor der Patientin und vor den Kollegen." Heute arbeitet Riesterer, inzwischen auch examinierte Altenpflegerin, in leitender Position und vermeidet es nach Kräften, Auszubildende und Pflegebedürftige in solche Situationen zu bringen. "Aber", bedauert sie, "unter den heutigen Arbeitsbedingungen passiert so etwas leider schnell." Zu schnell.

Scham verfolgt Pflegende in ihrem Alltag wie ein Schatten. Einer, der mit in die Badewanne steigt, wenn der Patient gewaschen wird. Der mit am Tisch sitzt, während dem Bewohner das Essen gereicht wird. Der Pflegende nach Dienstschluss nach Hause begleitet, sich mit ins Bett legt und an ...

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