KRIMINALROMANE

Thomas Steiner

Von Thomas Steiner

Sa, 08. August 2020

Literatur & Vorträge

Schlimme DDR

Max Annas: Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 334 Seiten, 20 Euro.

Da sind sie wieder: Heinz, Günther, Rolf, Otto und Konnie – die Männer von der Morduntersuchungskommission Gera. Zum zweiten Mal ermitteln sie in der DDR der 80er Jahre. Ein historischer Krimi abseits der genreüblichen Zeiten und Orte. Und ohne nostalgischen Glanz.

Wieder malt Max Annas ein Bild des sozialistischen Deutschlands als einer Gesellschaft der verdrucksten Verhältnisse, der Männer- und der Staatsgewalt, der kaputten Städte und des unmäßigen Alkohol- und Nikotinkonsums. Im vorigen Band (den es jetzt als Taschenbuch gibt) ging es um den Mord an einem mosambikischen Vertragsarbeiter, diesmal um den Tod eines jungen Punkers. Melchior gehörte zu einer dieser Bands, die ihren Frust auf kleinen Bühnen in Kirchengemeinden ausdrücken. Eines Tages liegt er erschlagen im Probenraum. Wieder berichtet Annas sehr dicht von den Ermittlungen der Morduntersuchungskommission. Parallel lässt er Julia, das Mädchen aus der Band, von Ausbrüchen aus den familiären Verhältnissen und Einbrüchen in Wochenendhäuser erzählen. Julias Vater ist ein liebloser Pfarrer, Bibers ein verschlossener NVA-Offizier, Melchiors ein jähzorniger Antiquitätenjäger, der West-Geschäfte macht (Sohles ist tot, vom Baugerüst gefallen). Auf zwei der Väter fällt der Verdacht, die Stasi hat mehr mit dem Fall zu tun, als es scheint. Und dann nimmt alles ein böses Ende – auch für die Morduntersuchungskommission. Maulig verdreht

Mercedes Rosende: Falsche Ursula. Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unionsverlag, Zürich 2020. 208 Seiten, 18 Euro.

Ursula ist unzufrieden mit sich – und der Welt. Ihre Tage verbringt sie in Therapiesitzungen, bei Weight-Watchers-Treffen oder zuhause, wo sie die von ihrem Vater geerbte Figurensammlung mit Wattestäbchen, Seifenwasser und sehr viel Geduld bearbeitet. Und dann ist da noch die viel zu glückliche Nachbarin von oben, die sich mit ihren Absätzen immer wieder in Ursulas Hirnrinde klappert. Nein, Ursula hat es nicht leicht. Ein nächtlicher Anruf aber reißt sie aus ihrer gelebten Antriebslosigkeit heraus. Man habe ihren Ehemann entführt. Nur: Ursula ist nicht verheiratet. Egal, sie gibt sich trotzdem als die Ehefrau aus. Warum auch nicht: Wenn das eigene Leben schon nichts hergibt, muss man andernorts nach Ereignissen suchen: "Das, was die Leute nicht zeigen wollen, interessiert mich umso mehr", erzählt Ursula ihrer Therapeutin bei einer Sitzung. Sie sehe anderen Leuten, die sie nicht sehen können, gern zu. Als falsche Ursula übernimmt sie die Rolle der richtigen, verlässt ihre schläfrige Welt und sitzt in einer schummrigen Bar plötzlich dem Entführer ihres Nicht-Ehemanns gegenüber. So falsch die Protagonistin in Mercedes Rosendes Kriminalroman auch sein mag, ihre maulige Verdrehtheit ist sehr viel mehr als nur unterhaltsam. Die Figur hat Tiefe, vor allem aber Witz, was das Buch der uruguayischen (und vielfach ausgezeichneten) Autorin Mercedes Rosende zu einer echten Überraschung macht. Auch weil es ihr gelingt, gegen alles, was erwartbar wäre, mit viel Tempo anzuerzählen.