United We Stream

Livestreams aus Freiburger Clubs sollen das Nachtleben durch die schwierige Zeit retten

Gina Kutkat

Von Gina Kutkat

Fr, 08. Mai 2020 um 15:00 Uhr

Freiburg

Niemand tanzt mehr in den Freiburger Clubs, die Läden der Stadt sind wegen Corona existenziell bedroht. Jetzt gibt’s mit dem Streaming-Projekt "United We Stream Upper Rhine" Hoffnung fürs Nachtleben.

Das Licht ist aus, die Tanzfläche leer, die Türen sind zu: Seit acht Wochen haben die Freiburger Clubs, Bars und Lokale keine feiernden Gäste mehr gesehen – und keine Einnahmen mehr. Das Nachtleben steht still, seit es die Verordnungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in Freiburg und im ganzen Land gibt. Und es steht vor einer riesigen Herausforderung.
Eine Gruppe von rund 10 bis 15 Freiburgern will nun wieder etwas Licht ins Dunkel bringen. Etwas Musik in die Clubs. Ein bisschen Geld in die Kassen. Mit qualitativ hochwertigen Livestreams aus Nachtlokalen soll Geld gesammelt werden, das direkt den betroffenen Läden zugute kommt. Als Vorbild dient die Stadt Berlin.
United We Stream Upper Rhein: Website & Facebook

"United We Stream" ist ein inzwischen internationales Projekt, das von der Clubcommission Berlin initiiert wurde. DJs und Musiker werden dabei gefilmt, wie sie in leeren Clubs oder anderen Locations ihre Sets spielen, das Ganze wird in hoher Qualität gestreamt. Bis zu 5000 Fans schalten sich pro Abend ein – und schauen beispielsweise den DJs des Labels Keinemusik im Stattbad Wedding beim Auflegen zu.



Jule Landenberger, Jonas Klingberg, und Simon Waldenspuhl haben das Projekt nun nach Freiburg geholt, weil sie von Idee, Konzept und Erfolg überzeugt waren. "United We Stream Upper Rhine" heißt der regionale Ableger. "Es geht dabei um die Gesamtheit der Clubs, um die Vernetzung, den Austausch und den Erhalt der Nachgastronomie", sagt Jule Landenberger, Geschäftsführerin einer Werbeagentur und seit vielen Jahren im Einsatz für das Freiburger Nachtleben. "Durch die voraussichtlichen monatelangen Schließungen stehen viele Existenzen auf dem Spiel," so Landenberger. "Das große Loch kommt erst noch."
Rückblick

Am Freitag, 13. März 2020, hat die Stadt Freiburg in einer Pressekonferenz alle Veranstaltungen mit mehr als 50 Menschen untersagt. Am 19. März folgte das Betretungsverbot in Freiburg, einen Tag später verkündete das Land Baden-Württemberg Zusammenkünfte im öffentlichen Raum.

Also das Clubgefühl für Zuhause. "Es wird ein abwechslungsreiches, kuratiertes Programm, von unterschiedlichen Orten gesendet", ergänzt Waldenspuhl, Geschäftsführer der Jupi-Fraktion und für Urbanes Freiburg aktiv. Jeden Samstag ab 19 Uhr sollen Aufnahmen aus dem Artik, der Bar, dem One Trick Pony oder dem Atlantik gesendet werden. Ob Techno, Soul, Rock oder HipHop, ob Solokünstler oder DJ-Duo – Vielfalt und Kreativität sollen keine Grenzen gesetzt sein. Auch Lesungen und Diskussionen sind angedacht. Den Start macht am kommenden Samstag die Freiburger Band Fatcat mit einem Konzert in der Mensabar. Demnächst sollen auch Open-Air-Übertragungen dazukommen, "zum Beispiel von Rave-Locations", so Waldenspuhl.
Was: United We Stream | UpperRhine Opening Weekend
Wann: Samstag, 9. Mai, 19-23 Uhr
Wo: Facebook-Livestream

Eintritt: frei

Eine Alternative für Clubgänger, Nachtmenschen und Musikliebhaber soll das Projekt sein, das mehrere Städte vernetzt. Basel, Kehl, Offenburg und Karlsruhe sind neben Freiburg mit dabei, die Organisatoren stehen außerdem mit Clubs in Straßburg und Colmar in Kontakt. "Diesen Austausch hätte es so sonst nie gegeben", lobt Landenberger die Zusammenarbeit. Alle ziehen an einem Strang, um das Nachtleben zu retten. Denn niemand kann sagen, wie lange die Krise noch dauert und wie lange die Clubs noch leer stehen. Zwar sei ihnen noch kein Insolvenzfall aus Freiburg bekannt, "aber einige Läden stehen kurz vor dem Rand", so Landenberger.


Gemeinsam soll über "United We Stream Upper Rhine" Geld gesammelt werden für einen Härtefonds für existentiell bedrohte Clubs und Läden aus dem Nachtleben. Über eine Startnext-Kampagne, die kommende Woche online geht, können die Zuschauer Geld spenden, das zunächst in einem gemeinsamen Topf landet. Mit 35 Prozent werden die Streamings finanziert, 10 Prozent werden an eine Geflüchtetenorganisation in Lesbos gespendet und der Rest fließt in den regionalen Härtefonds. "Jeder Club- oder Barbesitzer darf sich für die Unterstützung bewerben", sagt Landenberger. "Egal, ob man beim Streaming mitgemacht hat oder nicht."
Auch fudder unterstützt "United We Stream Upper Rhine"- durch Artikel und durch Crosspostings der Streams auf Facebook.

Eine Jury entscheidet, wer welchen Zuschlag bekommt, das Geld soll dann alle vier Wochen ausgeschüttet werden. Damit auch in Südbaden viele Menschen die Streams schauen, hat sich das Orga-Team Unterstützung in Form von Medienpartnern und der professionellen Filmproduktionsfirma Kranz Vilm sowie der Subculture Medienagentur gesucht. "Die Streams werden in Fernsehqualität sein, gefilmt wird aus drei Perspektiven", sagt Waldenspuhl.

Bis zur Wiedereröffnung der Nachtgastronomie soll gestreamt werden – und das jede Woche. "United We Stream Upper Rhine" plant aber auch für die Zeit danach. Wenn alles überstanden ist, soll es ein großes Festival geben, bei dem dann gebührend gefeiert wird.

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