Günstig Wohnen trotz Stellplatzregel?

Britta Wieschenkämper

Von Britta Wieschenkämper

Mo, 01. April 2019

Lörrach

Beim ersten "Offenen Stammtischgespräch" der Grünen diskutieren die Teilnehmer über bezahlbares Wohnen und Mobilität.

LÖRRACH. Wie viel Parkplätze braucht eine Familie? Ist die Lörracher Regelung, bei Neubauten pro Wohneinheit 1,5 Stellplätze einzuplanen, zeitgemäß? Was muss passieren, damit Wohnen bezahlbar bleibt? Fragen wie diese standen im Zentrum des ersten "Offenen Stammtischgesprächs" der Grünen Gemeinderatsfraktion. Auf dem Podium diskutierten der Bundestagsabgeordnete Gerhard Zickenheiner (Grüne), CDU-Stadtrat Ulrich Lusche, Christoph Geisel von der Architektenkammer Lörrach und Kerstin Müller, von der Gruppe Wohnwandel bei "fairnetzt".

Als vor kurzem das Baugebiet Belist in Haagen geplant wurde, hätten die Lörracher Wohnbau und die Baugenossenschaft die Gelegenheit gehabt, dort Mietwohnungen zu errichten. Aber beide hätten sich dagegen entschieden, wie Margarete Kurfeß beim Auftakt des "Stammtischgespräches" sagte. Die Wohnungen wären mit den vorgeschriebenen 1,5 Auto-Stellplätzen zu teuer geworden. Um diese Anzahl an Stellplätzen zu realisieren, wäre eine Tiefgarage mit zwei Stockwerken nötig gewesen. Günstigen Wohnraum könne man so nicht schaffen.

Es entstand eine Debatte, ob 1,5 Stellplätze je Wohneinheit überhaupt nötig sind. "Kann man das reduzieren? Wollen wir das reduzieren? Und wie müssen die Rahmenbedingungen sein, damit man mit weniger Autoabstellplätzen pro Wohnung auskommt?", fragte Kurfeß.

Den Kommunen blieben durchaus Spielräume bei der Umsetzung der Landesbauordnung, erklärte Geisel. So wäre es möglich, dass eine Stadt nur 0,6 Stellplätze je Wohneinheit verlangt. Bei Bauvorhaben in der Innenstadt erlaube die Stadt den Verzicht auf Stellplätze, wenn es unangemessen teuer wäre, diese einzurichten.

Jedoch sei das Verfahren für den Nachweis, dass Stellplätze zu teuer würden, sehr aufwändig, wie Zickenheiner aus seiner Erfahrung als Architekt berichtete. Er gab zu bedenken, dass in Basel nur 0,3 bis 0,6 Stellplätze gefordert würden und in New York Autoabstellplätze sogar ganz verboten seien, "weil der Platz viel zu wertvoll ist, um nur Autos dort hinzustellen." Wichtig sei, den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern. "Wenn abends um 23 Uhr der letzte Zug nach Schopfheim geht, ist es klar, dass die Leute Auto fahren", so Zickenheiner.

Kerstin Müller sagte, es sei eine Frage der Mobilität. Immer mehr Menschen suchten nach alternativen Wohnformen und nach Möglichkeiten, ohne eigenes Auto mobil zu sein. "Viele wollen dann auch gar nicht mehr eine Infrastruktur erhalten, die sie nicht brauchen", so Müller, also zum Beispiel Parkgaragen finanzieren, wenn sie gar kein Auto haben. Sie appellierte an die Verwaltung, zu schauen, welche neuen Wohnformen die Menschen möchten. Geisel betonte, man könne ohne Qualitätsverlust nachverdichten. Wohnraum könne zudem günstiger werden, indem man beim Bauen weglasse, was nicht unbedingt gebraucht wird.

Nach Ansicht von Lusche müsse die Frage der Stellplätze differenziert betrachtet werden. In der Innenstadt mit kurzen Wegen und guter Anbindung an den Nahverkehr sehe die Situation ganz anders aus als in den Ortsteilen. Er bemängelte zudem, dass das Baurecht zu viele Regeln enthalte und kritisierte das Baukindergeld. "Die große goldene Lösung gibt es nicht", sagte er. Dass mehr Mittel für den sozialen Wohnungsbau bereitgestellt werden müssten, darüber waren sich die Podiumsteilnehmer einig.