Mahnende Symbole der Vergänglichkeit

Regine Ounas-Kräusel

Von Regine Ounas-Kräusel

Di, 03. September 2019

Efringen-Kirchen

Anlässlich des Tags der jüdischen Kultur führte Bürgermeister Schmid über den Friedhof.

EFRINGEN-KIRCHEN (ouk). Bürgermeister Philipp Schmid führte am Sonntag ein Dutzend interessierter Bürger über den jüdischen Friedhof. Anlass war der Europäische Tag der jüdischen Kultur. Vorher gab er in einem kleinen Vortrag einen Einblick in die Geschichte der Juden, die 200 Jahre lang im Dorf Kirchen lebten.

Im Jahr 1736 kamen die ersten Juden ins damals selbständige Dorf Kirchen. Sie waren aus ihrer Heimat Solothurn vertrieben worden und der badische Markgraf gewährte ihnen Schutz. Kirchen sei damals durch seine Nähe zu Basel und zum Rhein ein rasch wachsendes Handelszentrum gewesen. Die Kirchener Juden arbeiteten vor allem als Pferde- und Viehhändler oder handelten mit Wein, Tabak und Stoffen. Da die Handwerkszünfte nur Christen aufnahmen, hätten sich die Juden schon im Mittelalter auf Dienstleistungen konzentriert und die Vorläufer heutiger Banken gegründet, so Schmid.

In Kirchen war zeitweise fast jeder vierte Einwohner Jude. Im Dorfkern stand die Synagoge, bis sie im Jahr 1938 unter den Nationalsozialisten zerstört wurde. Doch lange Zeit mussten die Juden aus Kirchen ihre Toten in Lörrach beerdigen oder auf den noch weiter entfernten Friedhöfen in Hegenheim, Müllheim und Sulzburg. Es sei schwierig gewesen, die Verstorbenen innerhalb der vorgeschriebenen 24 Stunden mit dem Pferdefuhrwerk auf diese Friedhöfe zu bringen, schilderte Schmid. Im Jahr 1865 habe die jüdische Gemeinde Kirchen daher ein Grundstück für einen eigenen Friedhof gekauft. Bis 1937 wurden dort Menschen begraben. 151 Grabsteine habe man bisher identifizieren können, sagte Schmid. Sie stehen unter alten Kastanien und sind von einer Mauer umgeben.

Für die Juden sei die Ruhe ihrer Toten von hoher Bedeutung, schilderte Schmid weiter. Daher lägen jüdische Friedhöfe immer außerhalb der Ortschaften, in der Nähe von fließendem Wasser und am besten auf Ödland. Sie seien etwa durch eine Mauer abgeschlossen. Traditionelle jüdische Gräber erinnerten außerdem an die Vergänglichkeit des Lebens. Einfache Steinstelen, die ohne Fundament in die Erde gesetzt werden, symbolisierten dies. Jüdische Gräber würden nicht aufwändig gepflegt. Als Ausdruck von Trauer und als Erinnerung an den Verstorbenen lege man kleine Steinchen auf die Grabsteine, so Schmid. Da Juden auf die Auferstehung hofften, wenn der erwartete Messias komme, gebe es nur Erdbestattungen.

Vor allem auf der linken Seite des jüdischen Friedhofs Efringen-Kirchen findet man die ältesten Gräber mit einfachen Stelen, auf denen lediglich Namen und Lebensdaten der Verstorbenen in hebräischer Schrift eingetragen sind. Sie sind aus rotem Sandstein, der als Symbol der Vergänglichkeit nach und nach zerfällt. Als Beispiel zeigte Schmid das Grab von Moses Lewi, der 1867 starb.

Im Laufe der Zeit verzierten die Kirchener Juden ihre Grabsteine immer mehr. Sie fügten Symbole mit Arbeitsgeräten aus dem Leben des Verstorbenen oder Verse aus ihren heiligen Schriften ein. Die Grabsteine wurden größer und zum Teil aus haltbarem Marmor gefertigt. Dies alles könne man als Zeichen der Assimilation der Kirchener Juden lesen, sagte Schmid. Immer wieder besuchen Nachfahren früherer jüdischer Bewohner Efringen-Kirchen. In den kommenden Tagen erwarte man Jack Bloch aus den USA, berichtete Bürgermeister Schmid.