Wirtschaft

Mangold, Herrenknecht, Warnig – wie Südbadens Russland-Connection Geschäfte macht

Sebastian Kaiser

Von Sebastian Kaiser

Sa, 21. Mai 2022 um 18:19 Uhr

Südwest

Lange Jahre hat das Russlandgeschäft hohe Gewinne versprochen – und zu einer gewissen Moskau-Nähe verführt. Drei Top-Manager aus der Region stehen deswegen im Blickfeld.

Manche, die ihn schon länger kennen, schwärmen davon, wie Klaus Mangold sich darauf verstehe, Menschen in Gesprächen das Gefühl zu vermitteln, wichtig zu sein. Gelegentlich führe der heute 78-jährige Geschäftsmann seine Gäste durch sein Anwesen im südbadischen Münstertal. Ein denkmalgeschütztes und Ende der 1990er-Jahre baufälliges Gebäude, das Mangold damals von der Gemeinde erwarb, für viel Geld restaurieren ließ und nun mit seiner Familie bewohnt. Ein Menschenfänger sei er. Einer, der wisse, wie man Kontakte knüpft, Beziehungen pflegt und sich in einflussreichen Netzwerken bewegt. Viele schätzen ihn und seinen Rat – auch in der Region. Mangold saß als Vertreter der Wirtschaft im Aufsichtsrat der Uniklinik Freiburg und ist Ehrensenator der Albert-Ludwigs Universität. 2007 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

"Ich habe mich geirrt. Dazu bekenne ich mich. Ich hätte einen Angriffskrieg nicht für möglich gehalten." Klaus Mangold
Seine Kritiker wiederum zeichnen ein anderes Bild. Sie sprechen von einem Wirtschaftslobbyisten in einem Netz aus undurchsichtigen Seilschaften. Mangold sei einer, der vor allem seine eigenen Interessen verfolge und gerne in Hinterzimmern kungelt. In der Landes-CDU gilt er als bestens vernetzt. Der ehemalige Ministerpräsident Günther Oettinger musste sich in seiner Zeit als EU-Kommissar dafür rechtfertigen, in Mangolds Privatjet zu einem Treffen mit Victor Orban geflogen zu sein. Im Umgang mit Russland habe Mangold aus Sicht seiner Kritiker vor allem eines getan: Geld verdient, relativiert und erst dann die Notbremse gezogen, als es gar nicht mehr anders ging.

Keiner habe so gute Drähte nach Russland wie Mangold, so heißt es

Welche Sichtweise man auch immer teilen mag – der berufliche Erfolg von Klaus Mangold lässt sich nicht leugnen. Er hatte Spitzenpositionen innerhalb der deutschen Wirtschaft inne. Unter anderem bei der Rhodia AG und bei Quelle. Er saß im Vorstand der Daimler-Benz AG und deren Tochterfirma Devis. Von 2000 bis 2010 führte er den mächtigen Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft. Er gründete ein eigenes Consultingunternehmen, um Firmen zu beraten, die ins Osteuropageschäft einsteigen wollten. Von 2005 an war er Honorarkonsul der Russischen Föderation. Keiner habe so gute Drähte nach Russland wie er, so heißt es.

Wer dafür Hinweise sucht, der findet sie auch im Netz: Klaus Mangold etwa im angeregten Gespräch mit Wladimir Putin im Dezember 2019, entstanden in Sotschi. Auf einem anderen Bild aus dem Jahr 2017 ist zu sehen, wie er bei einem Treffen mit Wirtschaftsvertretern Gazprom-Chef Alexey Miller die Hand auf die Schulter legt – während beide vergnügt in die Kamera lächeln.

Das Russlandgeschäft versprach lange Zeit hohe Gewinne

Lange Zeit waren solche Treffen für deutsche Spitzenmanager business as usual. Das Russlandgeschäft versprach hohe Gewinne. Energie war für deutsche Unternehmen – und Verbraucher – dank Moskau billig. Kritische Fragen, die nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim aufkamen, wurden gerne mit dem Slogan "Wandel durch Handel" abgetan: Putins Russland werde sich dem Westen schon annähern, wenn nur das Geflecht der Wirtschaftsbeziehungen weiter gedeihe. Starke Wirtschaftsbeziehungen würden außerdem die Kosten für einen Konflikt in die Höhe treiben und ihn dadurch unwahrscheinlicher machen. Einschätzungen, die nicht nur von Wirtschaftsvertretern wie Klaus Mangold gerne öffentlichkeitswirksam vorgetragen wurden. Auch CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel und große Teile der SPD argumentierten so, allen voran Sigmar Gabriel und der als russischer Gaslobbyist umtriebige Gerhard Schröder.

Bis heute soll auch der Altkanzler gute Kontakte nach Südbaden pflegen – auf heimischen Golfplätzen, zu Klaus Mangold und zum Schwanauer Tunnelbohrunternehmer Martin Herrenknecht etwa. Schröder saß bis zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine im Aufsichtsrat des Unternehmens. Anfang März, als der Druck auf ihn zu groß wurde, zog er sich aus dem Gremium zurück. Im gegenseitigen Einvernehmen mit dem Firmengründer hieß es damals. Im Europa-Park in Rust – der sich lange selbst ein Fahrgeschäft von Nord Stream 2 sponsern ließ – traf sich der Unternehmer mit Schröder. Herrenknecht berichtete später von einem seiner schwersten Gespräche. "Mir geht das heute noch nach", sagte der 79-Jährige im Beisein von Journalisten. "Das ist ein Abschied, den ich keinem wünsche."

"Die Sanktionen gegen Russland müssen wieder weg." Martin Herrenknecht im Jahr 2016
Auch der Tunnelbohrmaschinenbauer war in Russland tätig, wie viele andere Unternehmen auch. Das Unternehmen lieferte Tunnelbohrmaschinen für zivile Infrastrukturvorhaben heißt es aus Schwanau. "Die Sanktionen gegen Russland müssen wieder weg", forderte Herrenknecht 2016 im Handelsblatt. 2018 erhielt er per Erlass des russischen Präsidenten den Orden der Freundschaft – "für seinen großen Beitrag zur Stärkung der deutsch-russischen Zusammenarbeit". So steht es auf der Webseite der russischen Botschaft. Wie steht Herrenknecht heute zu seinem Russland-Engagement?

Man stehe "voll hinter der Haltung der deutschen Bundesregierung zum russischen Krieg gegen die Ukraine, welcher von Präsident Wladimir Putin ausgeht", erklärte das Unternehmen in einer Stellungnahme. Auf Anfrage dieser Zeitung heißt es weiter: Martin Herrenknecht könne überhaupt kein Verständnis für den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine aufbringen. Er bedauere die gegenwärtige Situation und das damit verbundene menschliche Leid sehr.

Warnigs Engagement im Rosneft-Aufsichtsrat endet

In die Schlagzeilen ist indes auch ein weiterer Topmanager aus Südbaden geraten – Matthias Warnig. Klaus Mangold half dem 66-jährigen Geschäftsführer der inzwischen abgewickelten Nord Stream 2 AG vor 15 Jahren dabei, sich in Staufen niederzulassen. Der ehemalige Stasi-Agent Warnig gilt als enger Vertrauter des russischen Staatschefs und steht auf einer Sanktionsliste der US-Regierung. Der gebürtige Lausitzer bekleidete Spitzenposten in wichtigen russischen Unternehmen wie etwa Nord Stream, Nord Stream 2, Rosneft, Transneft, Rossija und United Company Rusal. Sein Engament im Rosneft-Aufsichtsrat werde Warnig aufgeben, ebenso wie der Altkanzler, hieß es am Freitag seitens des russischen Staatskonzerns.

Details oder Gründe wurden nicht genannt.

"Ich glaube, Staufen ist für Herrn Warnig ein privater Rückzugsort, ein Platz, an dem er ungestört mit seiner Familie leben möchte", sagte Staufens Bürgermeister Michael Benitz kürzlich der Badischen Zeitung. Zuvor hatte Benitz eine 5000-Euro-Spende Warnigs für die Staufener Kulturwoche zurücküberwiesen. Die Stadtverwaltung könne es nicht mehr vertreten, Spenden anzunehmen, die aus russischen Quellen stammen könnten, so die Begründung. Die Beziehungen zu Klaus Mangold sind indes dem Vernehmen nach weiter gut.

Der Focus-Kolumnist Jan Fleischhauer forderte kürzlich einen Untersuchungsausschuss, um aufzuklären, wie es geschehen konnte, dass sich Deutschland von seinem ärgsten Feind abhängig machen konnte. Ganz oben auf die Zeugenliste gehöre Mangold, schrieb Fleischhauer. Er habe jahrelang das Geschäft Putins in Deutschland besorgt. Wie sieht Klaus Mangold solche Anschuldigungen? Öffentlich möchte sich Mangold im Augenblick nicht über Russland äußern, lässt sein Sprecher wissen. Vor wenigen Tagen hat er einer deutschen Tageszeitung ein großes Interview gegeben.

Man habe Putin falsch eingeschätzt, ist heute aus Politik und Wirtschaft zu hören. Im Januar 2021 jedenfalls verteidigte Mangold den Kreml-Herrscher noch – nach dem russischen Auftragsmord im Berliner Tiergarten und der Vergiftung und Inhaftierung des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny. Der BZ sagte er damals, man müsse auch sehen, wieso Russland diese Entwicklung genommen habe. Schließlich sei Putin anfangs bestrebt gewesen, eine ganz enge Bindung an den Westen hinzubekommen.

Sein Amt als russischer Honorarkonsul gab Mangold im März nach einigem Zögern auf. In einer Erklärung schrieb er: "Der russische Angriff auf einen souveränen Staat ist auch ein Angriff auf den Frieden in Europa und der Welt. Die damit einhergehende Verletzung des Völkerrechts ist nicht hinnehmbar." Er werde nun in anderen Organisationen seine Arbeit für die guten deutsch-russischen Beziehungen fortsetzen. Dem Handelsblatt sagte Mangold Anfang Mai: "Ich habe mich geirrt. Dazu bekenne ich mich. Ich hätte einen Angriffskrieg nicht für möglich gehalten."

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