Gegen Rechtspopulismus

Markus Vögele hat die Pogrome in Ettenheim erforscht und engagiert sich für Erinnerungsarbeit

Klaus Fischer

Von Klaus Fischer

Sa, 09. November 2019 um 13:00 Uhr

Ettenheim

Der 9. November 1938 ist als Pogromnacht in der Geschichte verankert, als der Tag, an dem Nazis jüdische Geschäfte zerstörten oder zum Boykott aufriefen. Für den Ettenheimer ist die Erinnerung daran sehr wichtig.

Dass sich der 34-Jährige aktiv an der Erinnerungsarbeit beteiligt, hat während des Studiums an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg seinen Anfang genommen. Deutsch, Geschichte und Politikwissenschaft auf Realschullehramt hat er dort zwischen 2010 und 2015 studiert. Er habe zu Beginn nicht viel Energie in die Ausbildung zum Realschullehrer gesteckt, die er nach einer Ausbildung zum Krankenpflege begonnen hatte, sagt er. Bis er in einem Kurs von Peter Gautschi landete. Der Professor für Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen hat beim jungen Studenten aus Ettenheim nicht nur das Interesse an der Geschichte neu entfacht: "Er hat in mir auch den Forschergeist geweckt. Wie haben sich die großen Ereignisse der Geschichte im Lokalen gespiegelt? Diese Fragestellung im Zusammenhang mit der Reichspogromnacht hat mich fortan beschäftigt."

Mit Hartnäckigkeit und Akribie

Bis dahin war der junge Kopf noch von den Ideen eines Adam Ant fasziniert. Der einstige Frontmann der Ende der 1980er-Jahre erfolgreichen englischen Punk- und New-Wave-Band Adam & the Ants hatte um die Jahrtausendwende seine Autobiografie herausgebracht, in der Markus Vögele viele Parallelen zu sich selbst zu erkennen glaubte. "Für mich war er eine Ikone. Ich war wie besessen davon, ihn einmal zu treffen", erinnert sich Vögele. Er schrieb mehrmals dem Management, blieb hartnäckig – und hatte schließlich Erfolg: 2011 traf er Adam Ant in London am Rande eines Konzerts. "Es war nur ein kurzes Gespräch. Aber ich hatte mein Ziel erreicht mit Hartnäckigkeit und Akribie. Noch heute habe ich die Visitenkarte seines Managers", erzählt Vögele stolz.

Hartnäckigkeit und Akribie – Eigenschaften, die Markus Vögele auch für die Erforschung der Ereignisse an jenem 9. und 10. November 1938 in Ettenheim einbringen musste. Denn Bilder und Dokumente aus der Zeit waren rar. "Die entscheidende Frage war, wie komme ich an authentisches Material oder Dokumente von damals heran. Würde es noch Zeitzeugen geben und würden die auch mit mir sprechen und sich mit anvertrauen wollen", erinnert sich Markus Vögele.

14 Ettenheimer waren im Synagogenprozess angeklagt

Um Dokumente im Staatsarchiv in Freiburg sichten zu können, musste er einen begründeten Antrag stellen, was ihm vor dem Hintergrund einer wissenschaftlichen Arbeit im Rahmen des Studiums so schwer nicht fiel. "Damals habe ich Stunden in einem dunklen Raum im Staatsarchiv zugebracht und hunderte Seiten von Akten studiert", erzählt Vögele. Eine ergiebige Quelle waren die Prozessunterlagen zum sogenannten Synagogenprozess 1948 am Offenburger Amtsgericht. Angeklagt waren 14 Ettenheimer Bürger unter anderem wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Unter ihnen der ehemalige Ettenheimer Bürgermeister Eduard Seitz. Vögele traf auf Zeitzeugen, Opfer wie Täter oder deren Angehörige. "Es gab natürlich auch Gegenwind. Ich wurde bei der ersten Kontaktaufnahme nicht selten abgewimmelt. Aber mit jenen, bei denen ich Vertrauen aufbauen konnte, kam es auch zu längeren Gesprächen, manchmal auch über mehrere Tage hinweg", erzählt Vögele.

Die von Juden bewohnten Häuser wurden vom Nazi-Mob aufgesucht

Gut erinnert er sich noch an ein Frühstück mit der Schwiegertochter vom im Synagogenprozess verurteilten Bürgermeister Eduard Seitz: "Eine sehr emotionale Begegnung", wie Vögele sagt. Mehr aus dem Gespräch kommt nicht über seine Lippen. Vögele: "Auch Jahre danach will ich das mir entgegengebrachte Vertrauen nicht missachten. Auch dann nicht, wenn meine Gesprächspartner inzwischen verstorben sind."

Die Ergebnisse seiner akribischen Forschungen, zugleich seine Examensarbeit am Lehrstuhl von Professor Peter Gautschi, stellte Markus Vögele zum 75. Jahrestag der Novemberpogrome der Öffentlichkeit vor. Die von Juden bewohnten Häuser wurden vom Nazi-Mob aufgesucht, Steine wurden geworfen und die etwa 20 Bewohner auf die Straße getrieben. Beteiligt waren auch Mitarbeiter der größeren Betriebe wie Stoelcker und Jehle, ob von ihren Chefs dazu aufgefordert, ist unter Geschichtsforschern umstritten.
Markus Vögele wurde 1985 in Kehl geboren, er ist Lehrer und lebt mit seiner Familie in Ettenheim. Er hat Deutsch, Geschichte und Politikwissenschaften an der PH Freiburg studiert, war Lehrer an der Realschule in Lahr und Ichenheim und arbeitet heute in der Erwachsenenbildung in Karlsruhe.

Seine Mission sieht Markus Vögele mit der Aufarbeitung der Vorkommnisse am 9. und 10. November 1938 indes längst noch nicht abgeschlossen. "Rechtspopulismus scheint in Deutschland wieder zu erstarken. Auch deshalb gilt es, gerade die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel der Geschichte wach zu halten", sagt Markus Vögele. Deshalb engagiert er sich im Deutsch-Israelischen Arbeitskreis und hat im vergangenen Jahr auch Verantwortung im neugegründeten Förderkreis zum Erhalt der Synagoge Altdorf übernommen. Und sein inzwischen geknüpftes Netzwerk will er für Kooperationen mit Schulen einsetzen. Für das kommende Jahr hat er für das Städtische Gymnasium den Kontakt mit Manuel Bauer hergestellt. Bauer prügelte sich als Neonazi durchs Leben. Dann stieg er aus – und ist nun als Aufklärer auf Deutschlandtour.