Coronavirus-Pandemie

"Medizin wie im Krieg": Kliniken im Elsass arbeiten am Limit

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Do, 26. März 2020 um 19:17 Uhr

Elsass

Die Zahl der Covid-19-Patienten erhöht sich im Elsass rasant – und nicht mehr allen kann geholfen werden. Die Uniklinik Straßburg weist Vorwürfe zurück, Über-80-jährige würden nicht mehr beatmet.

Vor einem Monat wurde im Elsass der erste Corona-Infizierte bekannt. Inzwischen hat sich das neue Virus dort so weit ausgebreitet, dass die beiden Départements Haut-Rhin und Bas-Rhin als das französische Epizentrum der Corona-Krise gelten. Ärzte und Pflegepersonal arbeiten täglich am Limit, ebenso sind es die Kapazitäten für die Behandlung weiterer Patienten. Seit einer Woche wurden immer wieder Schwerkranke, die beatmet werden müssen, in Kliniken in andere französische Regionen, aber auch nach Deutschland, Luxemburg und in die Schweiz gebracht.

Patiententransporte bieten nur kurz Entlastung

Allein aus dem Klinikum Mulhouse wurden auf diese Weise 90 Covid-19-Patienten verlegt. "Dadurch haben wir wieder mehr Betten für neue Patienten" sagt der Marc Noizet, Leiter der Notaufnahme in Mulhouse. 400 Corona-Patienten werden in Mulhouse im Moment stationär behandelt, 54 leiden unter einer schweren Form der Lungenerkrankung und müssen künstlich beatmet werden. 16 weitere Beatmungspatienten, die zuvor mehrere Tage im Klinikum stabilisiert wurden, hat das diese Woche fertiggestellte Feldlazarett auf einem Parkplatz nebenan aufgenommen. Bis zum Wochenende sollen dort alle 30 Beatmungsplätze belegt sein. Mehr als eine kurze Erleichterung verschafft das nicht: Allein diese Woche wurden an zwei Tagen je 60 neue Corona-Patienten eingeliefert.

Trotz der Notlage entscheide man allerdings nicht allein aufgrund des Alters der Patienten, ob sie beatmet würden oder ob man an das Gerät, von denen es im Elsass zu wenige gibt, lieber einen jüngeren, stabileren Kranken anschließt, sagt Marc Noizet. "Wir versuchen jeden Patienten bestmöglich zu versorgen", versichert der Arzt.

"Nicht bei jedem der älteren Patienten mit zum Teil schweren Vorerkrankungen bringt eine Beatmung die gewünschte Verbesserung." Marc Noizet, Leiter der Notaufnahme in Mulhouse
Aus einem Bericht des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Tübingen geht hervor, dass im Straßburger Universitätsklinikum seit Ende vergangener Woche Patienten, die älter als 80 Jahre seien, nicht mehr beatmet würden und eine Sterbebegleitung erhielten.

Am Donnerstagabend wies die Uniklinik in Straßburg in einer Mitteilung die Darstellung zurück, wonach das Alter der Patienten das einzige Kriterium sei, ob an Covid-19 Erkrankte lebensverlängernde Maßnahmen erhielten oder nicht. Arzt Noizet in Mulhouse erklärt allgemein: "Eine Intubation ist sehr invasiv. Nicht bei jedem der älteren Patienten mit zum Teil schweren Vorerkrankungen bringt eine Beatmung die gewünschte Verbesserung."
Eindrücke deutscher Experten aus Straßburg

Wie dramatisch die Lage im Elsass ist, haben Experten des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in einem Bericht festgehalten. Am Montag waren sie an der Uniklinik Straßburg, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Für Deutschland kommen sie zu einer klaren Schlussfolgerung: "Unter der Annahme, dass sich die Entwicklung, wie diese derzeit im Elsass besteht, bald auch in Deutschland einstellen wird, ist eine optimale Vorbereitung von allerhöchster Dringlichkeit." Die Lage in Straßburg beschreiben sie in Stichworten. Einige Beispiele im Wortlaut:
  • Seit 21. März: Patienten über 80 Jahre keine Intubation (Beatmung) mehr. Stattdessen Sterbebegleitung durch Opiate und Schlafmittel
  • Beatmungspflichtige Patienten zwischen 19 und 80 Jahren, wobei "nur" 3 (von 90) unter 50 Jahre sind und keine Vorerkrankungen haben.
  • Am 23. März erfolgte pro Stunde eine Aufnahme eines beatmungspflichtigen Patienten
  • Aufstockung der Pflegekräfte um Faktor 4
Den Experten zufolge kommt beim Kampf gegen das Virus Sars-CoV-2 dem Rettungsdienst und der Intensivmedizin "die absolute Schlüsselrolle" zu. Für dieses Fachpersonal müsse eine klar definierte Sonderrolle gelten. "Der Ausfall jeder einzelnen Person in diesen Bereichen wird am Ende Menschen das Leben kosten." Frankreich, heißt es weiter, gestatte daher für diesen Personenkreis das Arbeiten in allen Fällen, unabhängig von einer angenommenen oder bestehenden Infektion. "Einzig bei bestätigter Infektion UND eigenen Symptomen wird die Arbeit wenige Tage unterbrochen."

Die Zahlen vermitteln jedoch ein dramatisches Bild. Im Haut-Rhin sind bislang 239 Patienten an Covid-19 gestorben, im Bas-Rhin mehr als 80. Hinzu kommen viele Tote in Pflegeheimen.

Jetzt erkranken die Pflegekräfte

"Aus den Pflegeheimen werden sehr geschwächte Patienten mit Symptomen von Covid-19 oft gar nicht ins Krankenhaus gebracht, weil ihre Genesungschancen schlecht und zu wenig Kapazitäten vorhanden sind", sagt Brigitte Klinkert, Präsidentin des Départementrates Haut-Rhin. "Was wir hier erleben", sagt Klinkert, "ist Medizin wie im Krieg."

In der gesamten Ostregion wurden die Kapazitäten für Corona-Patienten auf 900 Betten verdoppelt, was aber bedeutet, dass nahezu alle Kapazitäten der akuten Lage untergeordnet sind.

Zur hohen Belastung für das medizinische Personal kommen zwei weitere Aspekte. Zum einen bleiben Corona-Patienten zwischen zwei und drei Wochen im Krankenhaus, benötigen also eine lange intensive Pflege. Zum anderen ist auch das Personal von Ansteckung betroffen. Allein in Mulhouse sind mehr als 131 Personen des Klinikums infiziert, die für den Dienst ausfallen. "Wir bekommen zum Teil Verstärkung aus anderen Regionen", sagt Marc Noizet. Ein wenig helfe das.

Ein großes Problem ist auch die Versorgung mit Masken und Schutzkleidung. "Für die nächsten zehn Tage haben wir Nachschub erhalten", sagt die Verwaltungsdirektorin des Klinikums, Corinne Krencker. "Was danach ist, müssen wir abwarten". Im Laufe dieser Woche haben Industriebetriebe aus der Ostregion mehr als eine Million Masken gespendet, die dort noch auf Lager waren. Zudem hat der Regionalrat Nachschub bestellt. Doch auch in den angrenzenden Départements steigen die Infektionszahlen trotz der Ausgangssperre. "Es ist kein Ende in Sicht", sagt Corinne Krencker. "Keiner weiß, wann es überstanden ist."

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  • Wenn Sie bei sich selbst Symptome feststellen, rufen Sie ihre Hausärztin oder ihren Hausarzt an.
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