UNTERM STRICH: Glotz nicht so blöd

René Zipperlen

Von René Zipperlen

Do, 06. Februar 2020

Kolumnen (Sonstige)

Angeblich teilen wir eine etwas trostlose Lieblingsbeschäftigung / Von René Zipperlen.

Oh. Einen Moment, bitte. Nur schnell die Glotze ausmachen. So, jetzt können wir.

Und was lief bei Ihnen gestern so? – Das wollen wir mal glauben. Doch die Medienforscher von Vaunet wissen es besser. Geglotzt haben Sie. Irgendjemand muss es ja tun, wie kämen die sonst auf einen Schnitt von bald vier Stunden Tagesdosis Fernsehen? Insta-Filmchen, Youtube, Netflix, DVD und Super-8-Abende noch gar nicht eingerechnet. Insgesamt 10 Stunden und 16 Minuten des Tages verbringen Deutsche zwischen 14 und 69 Jahren mit Medien: TV, Digitalkram, Radio, Musik, Videospiele, Bücher. Dass auf Zeitungen keine 25 Minuten entfallen, ändern Sie einfach jetzt gleich: dranbleiben! Dennoch: Mehr als zehn Stunden Medienkonsum? Bei 8 Stunden Arbeit und 8 Stunden Schlaf(soll) wird es in 24 Stunden schon fürs Duschen eng. Klar, da sind auch 200 Minuten Nebenherradio dabei: dauerbeseelte Werkstätten, Pendlerinnen im Stau, Supermärkte mit ihrer diabolisch von der Decke rieselnder Einkaufsmucke (die manche jetzt eventmäßig stundenweise abschalten).

Richtig spannend wird es freilich beim Fazit der Medienexperten: "Fernsehen ist die Lieblingsbeschäftigung der Deutschen." Zweifel sind, wie meist, angebracht: Wenn jemand acht Stunden täglich Kohleflöze auspickelt, muss es nicht gleich sein Lieblingsding sein, in den Schacht einzufahren. Schlechtes Beispiel? Ja, gut. Aber haben wir die Glotze wirklich lieber als Himbeeren zu essen, im Sommergras liegend den Birkenblätter zuzusehen, lieber als Beethoven? Lieber gar als – Dings? Naja, als Sachen eben, über die man hier auf Seite eins eher nicht spricht? Was wären wir für ein rohes Volk.

Doch Hoffnung muss sein: Wir verbringen sehr wohl eine gotteslästerliche Zeit vor Bildschirmen und an Displays. Aber selbst wenn der Bergdoktor noch so strahlt und Heidi Klum steinerweichend quiekt, wissen wir doch tief drin, dass da noch etwas ist: Irgendwo da draußen hat es sich verkrochen. Manchmal kauert es auch gleich nebenan. Schaun mer mal.