UNTERM STRICH: Punktgewinn für das Grunzen

Ines Alender

Von Ines Alender

Mo, 03. Juni 2019

Kolumnen (Sonstige)

Sportpsychologen haben das Stöhnen der Tennisspieler untersucht / Von Ines Alender.

Es gibt Themen im Profisport, die sind so wiederkehrend wie die Bälle, wenn Timo Boll an der einen Seite des Tischtennistisches steht. Zack – sind sie wieder da. Dazu gehören Fragen wie: Macht der Videobeweis den Fußball kaputt? Oder: Wird der Hype einer Handball-WM oder -EM im alltäglichen Bundesligageschäft spürbar sein? Stets beliebt ist auch die Diskussion darüber, ob das Stöhnen der Profi-Tennis-Spielerinnen und -Spieler (Rafael Nadal lässt grüßen) unfair gegenüber der Gegnerin oder dem Gegner ist.

Aktuell ist gerade letztere Debatte. Zum Glück geht es dabei um eine wissenschaftliche Studie zum Grunting (deutsch: Grunzen), wie der Fachbegriff des Phänomens lautet – und nicht um neue Boris-Beckersche Weisheiten (vor Jahren attestierte er dem Stöhnen der Spielerinnen "etwas Sexuelles").

Forscher also sind dem Vorwurf der ehemaligen Weltranglistenersten Martina Navratilova nachgegangen, die das teilweise kreissägenlaute Stöhnen einmal als Betrug bezeichnete. Ihre Begründung: Das Stöhnen würde das Schlaggeräusch übertönen und deshalb die Voraussage des Ballflugs erschweren. Die Sportpsychologen der Universität Jena zeigten nun Tennisspielern Ausschnitte aus einem Profi-Tennis-Spiel und manipulierten dabei die Lautstärke der Stöhn-Geräusche. Die Aufgabe der Sportler: Sie sollten auf die Flugbahn des Balls schließen und den Auftreffpunkt bestimmen. Das Ergebnis: Tatsächlich vermuteten die Teilnehmer eine umso längere Flugbahn des Balls, je lauter das Stöhnen war. Insgesamt aber ließen sie sich – was den Ankunftsort des Balls betrifft – kaum ablenken.

Sportpsychologe Florian Müller geht davon aus, dass Spieler "die physiologischen Vorteile berücksichtigen, die das Stöhnen ermöglicht". Mittlerweile gelte es als erwiesen, dass starkes Ausatmen von Luft die Bauchmuskulatur aktiviert und Kräfte freisetzt. Dieser Punkt geht also an alle Scharapowas und Nadals. Bis zum nächsten Aufschlag – nein zur nächsten Studie, die das Gegenteil behauptet.