Streiks

Mit dieser Kultur zu Lasten der Schwächsten bin ich nicht einverstanden

Karl-Heinz Schleicher

Von Karl-Heinz Schleicher (Freiburg)

Do, 15. Oktober 2020

Leserbriefe

Zu: "Warnstreiks in Kita, Hort und Nahverkehr", Agenturbeitrag (Land und Region, 29. September)
Unverhältnismäßigkeit und Egoismus treffen die Falschen. "Wir halten zusammen!" Zum Hohn hat Verdi zur ungünstigsten Zeit durch Machtgehabe eine Streikwelle eingeläutet, gegenüber der Jugend der künftigen Generation, dem Klimaschutz und der "Fridays-for-Future"-Bewegung eine schallende Ohrfeige erteilt. Wieder werden dadurch die schwächsten Glieder der Gesellschaft, Eltern, Kinder, Geringverdiener, alte Menschen, in Mitleidenschaft gezogen, bereits schon über ihre Grenzen durch die Einschränkungen und Entbehrungen der Corona-Pandemie geprüft, manche in ausweglose Situationen gebracht.

Noch vor kurzem hatte sich Verdi in ihren Schriften besorgt über die Zukunft der Jugend und den Klimaschutz geäußert – und jetzt dieser Sinneswandel? Die VAG spart an diesem Tag die Energiekosten, das Personal hat einen "Feiertag", auf Kosten der vielen Fahrgäste mit Zeit/Regio-Karten. Manche Überlegung, sich für den Klimaschutz vom Fahrzeug zu trennen, wird in Frage gestellt. Restliche Fahrmöglichkeiten fordern regelrecht die Infektionsgefahr. Behörden waren nicht zugänglich oder mit langen Wartezeiten verbunden, verlangten vom Bürger viel Verständnis, Opfer, zusätzliche Kosten. Herausragend war das Pflegepersonal, die Ärzte, die Altenbetreuung. Ihr Einsatz wurde, Gott sei Dank, vom Staat durch den Bonus honoriert.

Unsere Politiker waren und sind gefordert bis über ihre Grenzen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Auch viele unserer Mitmenschen sind zu den Herausforderungen gestanden und stehen weiterhin, haben sich großartig engagiert, geben wir auch für das "Morgen" das Gefühl des "Wir halten zusammen". Die Kassen sind durch die Pandemie leer gefegt und auf Pump gestellt, die Pandemie mit den Kosten noch nicht zu Ende. Also geht es nur weiter auf Pump zu Lasten der nächsten Generation oder Personal-Abbau, den keiner will, Abbau von Leistungen, Ausgliederungen von Bereichen an Subunternehmer zu bekannten Dumpinglöhnen. Daher verlangt es wirklich Vernunft bei den anstehenden Verhandlungen.

Nach mehr als 60 Jahren bin ich bei Verdi ausgetreten. Eingetreten bin ich seinerzeit in die DAG (Deutsche Angestellten-Gewerkschaft), eine Gewerkschaft mit Stil und Verantwortungsbewusstsein, als allerletztes Mittel ein Streik, so auch meine Mitstreiter. Da ich mich zeitlebens für benachteiligte Kinder und Jugendliche, politisch in sozialen Bereichen, eingesetzt habe, bin ich dieser Kultur, die zu Lasten der Schwächsten der Gesellschaft geht, nicht einverstanden. Ich möchte nicht dabei sein, wenn es heißt: Verdi hat zur Wirtschaftskrise den Rest gegeben. Für einen Aufbruch ist es noch nicht zu spät, das "heute" für "morgen", "Wir halten zusammen" für eine Zukunft unserer Jugend. Oder wollen wir einen "Scherbenhaufen" von der Welt hinterlassen?Karl-Heinz Schleicher, Freiburg