Mit Raiffeisens Erfindung gegen Auswüchse des Turbokapitalismus’

Susanne Kerkovius

Von Susanne Kerkovius

Mo, 25. November 2019

Offenburg

Eine städtische Informationsveranstaltung zu neuen Genossenschaftsmodellen, die ein Verbleiben in der gewohnten Umgebung bis ins hohe Alter ermöglichen sollen.

OFFENBURG. Zu einer anregenden Veranstaltung hatte die Stadt Offenburg auf Initiative des Seniorenbüros unter der Leitung von Angela Perlet am Prozess des gemeinschaftlichen Handelns ins Stadtteil- und Familienzentrum Innenstadt eingeladen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Florian Wernicke und Alexander Hölsch aus Freiburg, der Künstler Nils Theurer erstellte zeitgleich ein zeichnerisches Protokoll.

Wie Bürgermeister Hans-Peter Kopp in seiner Begrüßungsansprache erklärte, will man den seit 2017 in Offenburg begonnen Weg der Kommunalen Daseinsfürsorge durch Bürger-Engagement weiter gehen und Impulse aus der Bürgerschaft aufnehmen. Die zugrunde liegenden Probleme sind bekannt: eine immer älter werdende Gesellschaft, Vereinsamung, mangelnde Versorgung und Pflege, Schwinden der Nahversorgung und daraus folgend Entleerung ländlicher Gebiete, vor allem im Osten, aber auch in anderen Landesteilen. Die Ausgangslage in Offenburg, einer prosperierenden Stadt mit hohem bürgerschaftlichem Engagement, sei gut, jedoch werde man auch hier mit deutlich mehr Hochbetagten zu rechnen haben. Deshalb benötige die Stadt noch mehr Unterstützung durch engagierte Bürgerinnen, deren Vorhaben man durch einen von der Stadt entwickelten Projektantrag aus neun Punkten ermuntern und beschleunigen wolle. Besonders in den Vordergrund, so der Tenor des ganzen Abends, wurde hier die Organisation der Bürgergenossenschaft gestellt, die im Unterschied zum Verein nicht auf Ehrenamt aufgebaut ist und dennoch ein zukunftsmäßiges Wirtschaften möglich mache, jenseits von Profitmaximierung.

Gegen die grassierende Privatisierung der Daseinsvorsorge

In drei Impulsvorträgen wurden Möglichkeiten solchen Engagements vorgestellt, alle drei in Zusammenhang stehend mit dem Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung in Freiburg (ZZE) unter der wissenschaftlichen Leitung von Thomas Klie, der den entsprechenden Fachvortrag hielt. Das ZZE berät und begleitet die vorgestellten Projekte in Neuweiler und Oberried, die Unterstützung kommt aus Bundesmitteln. In seinem Vortrag betonte Thomas Klie den engen Zusammenhang zwischen bürgerschaftlichem Engagement, Identität und Eintreten für demokratische Werte. Demokratie sei etwas Lebendiges, an dem man mitwirke, nichts Fremdes. Menschen, die jedoch nicht mehr kommunizieren, außer mit ihrem Hund, neigten erwiesenermaßen viel eher zu antidemokratischen Ansichten als solche, die sich einbringen. Dass die meisten Menschen sich ein eingebunden Sein wünschen, sehe man darin, dass fast alle im Alter in ihrer vertrauten Umgebung bleiben wollen. Es gehe um ein gutes Leben für alle – dazu gehörten Mobilität, Zugang zu Versorgung, Zugang zur Natur, Energieversorgung, Bildung, Wohnen. Während man in früheren Zeiten die Daseinsvorsorge als staatliche Aufgabe gesehen habe, sei es in Zeiten des Turbokapitalismus zur Privatisierung vieler öffentlicher Aufgaben gekommen, mit den bekannten Folgen. Das Modell Friedrich Raiffeisens, die Genossenschaft, sei dagegen basierend auf Fairness, Freiwilligkeit, Gerechtigkeit, Subsidiarität und Demokratie. Dieses Modell habe in Baden-Württemberg innerhalb von zehn Jahren eine halbe Million Menschen angezogen, insgesamt seien 3,94 Millionen im Land Genossenschaftsmitglieder. In dem vorgestellten Projekt aus Neuweiler hatte die Gemeinde zunächst mit den oben genannten Problemen zu kämpfen, gründete einen Verein, ermöglichte eine Begegnungsstätte und Tagespflege und bereitet derzeit den Aufbau einer Pflege- Genossenschaft namens Herbstrose vor mit einer Einlage von 1000 Euro pro Mitglied. Foto- und Filmdokumentationen zeigten, wie viel lebendiges Gemeinschaftsleben seither in Oberried anzutreffen ist. Das zweite Projekt wird in der 3000 Seelen- Gemeinde Oberried im Dreisamtal verwirklicht. Hier hatte die Bürgergemeinschaft das aufgelassene Ursulinenkloster samt Behindertenwohnheim für den halben Marktwert erwerben können und dort seniorenkompatible Wohnungen, eine Tagespflege und eine Pflegewohngemeinschaft ermöglicht. Ein neues Mobilitäts- und Energiekonzept stehen jetzt auf der Agenda.

Nach diesen ermutigenden Beispielen entspannen sich viele Gesprächen, in denen die Möglichkeiten der Umsetzung in der hiesigen Region erörtert wurde.