Festspiele

Mundruczós "Liliom"-Inszenierung ist das Schauspielereignis in Salzburg

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mi, 21. August 2019 um 20:19 Uhr

Theater

Kornél Mundruczó inszeniert zum ersten Mal in Salzburg. Bettina Hering hat ihn für die Festspiele entdeckt. Das Herzstück des erfindungsreichen Abends aber sind die Schauspieler.

Ausgerechnet "Liliom". Ausgerechnet Ferenc Molnárs "Vorstadtlegende in sieben Bildern", durchgefallen 1909 in Budapest, triumphal aufgenommen 1912 in Wien, über einen Hallodri, der seine schwangere Frau verprügelt, mit einem Ganoven stümperhaft einen Überfall anzettelt und sich nach der Festnahme ersticht.

Ein Stoff, der auf die MeToo-Debatte passt wie die Faust aufs Auge, hat bei den Salzburger Festspielen – nach drei durchwachsenen Produktionen – für die herausragende Schauspielpremiere gesorgt. Wer hätte das gedacht? Schuld daran ist der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó, der keine Angst vor Pathos und Sentimentalität hat, der sich furchtlos dem Thema häusliche Gewalt gestellt hat – ohne moralischen Zeigefinger und vorauseilende politische Korrektheit.

Liliom stammt aus einer anderen Zeit

Beschönigt wird da naturgemäß nichts auf der Perner Insel, der Außenspielstätte der Festspiele in einer ehemaligen Salzfabrik in Hallein. Liliom sitzt wegen seiner Entgleisungen auf Erden im Fegefeuer: "Safe Space" steht in großen Lettern auf der Eisenwand, die nur einen schmalen Raum zum Spielen freilässt. Der Regisseur hat seine Figur gleich zu Beginn in jenen Raum zwischen Himmel und Hölle verfrachtet, in den er bei Molnár erst nach seinem Erdenleben versetzt wird. Hier ergeht von Anfang an das Gericht über ihn: durch eine Gruppe queerer Menschen, die das Regieteam in Hamburg – das Thalia-Theater ist Koproduzent – gecastet hat. Da Liliom aus einer anderen Zeit stammt, versteht er allerdings nur Bahnhof, wenn er auf das Tor 100 Mal schreiben soll, dass er ein Vertreter des repressiven Patriarchats sei.

Der Mann ist ohnehin unbelehrbar. Was er getan habe, habe er getan: So sein unverrückbarer Standpunkt nach allen Therapieversuchen. So steht es eben bei Molnár, der seinen Protagonisten auch die zweite Chance vereiteln lässt. Und Molnár wird eben – abgesehen von der notwendigerweise reformierten Rahmenhandlung – auch gespielt: in den Kostümen und in der Sprache der damaligen Zeit, die von Alfred Polgar stammt: Er hat mit Molnárs Hilfe "Liliom" ins Wienerische übertragen.

Ein Gestorbener erinnert sich: Und zwei riesige Roboterarme, ausgeliehen aus einer Autofabrik, helfen ihm dabei. Sie lassen Bäume und Bänke lautlos durch den Raum schweben, heben mit ihren Greifarmen den dottergelben Mond an seinen romantischen Platz, wenn sich Liliom und Julie zum ersten Mal lieben. Sie machen deutlich, dass das Bewusstsein seine Vergangenheit konstruiert und haben vor allem erstaunlicherweise poetische Qualität: Monika Pomale hat mit ihrer Hilfe ein märchenhaftes Bühnenbild auf der Höhe der Zeit geschaffen. Phantastisch. Völlig plausibel, dass die beiden Arme, wenn sie sich am Ende anmutig verbeugen, erfreuten Applaus ernten.

Was macht der Menschenfreund Mundruczó mit dem Finale?

Das Herzstück dieses verspielten und erfindungsreichen Abends aber sind die Schauspieler. Mikrofonverstärkt setzen sie sich mühelos gegen Xenia Wieners emotionalen Soundtrack zwischen Techno und Tschaikowsky durch: Allen voran Jörg Pohl, der mit bewundernswerter Leichtigkeit das Rollenklischee hinter sich lässt: Sein Liliom ist ein Zerrissener, mit sich Hadernder, von falschem Stolz Getriebener, der Verantwortung für Frau und Kind übernehmen will, doch keine Ahnung hat, wie er das anstellen soll. Zu arbeiten ist ihm halt fremd.

Dass er Julie aus Verzweiflung schlägt (was man nicht sieht), ist keine Entschuldigung für ihn. Das weiß auch Maja Schöne, die hier kein verführtes Dienstmädchen ist, sondern eine selbstbewusste junge Frau, die bei Liliom die erotische Initiative ergreift – und am Ende sagt: Ich schäme mich. Die Intensität, mit der diese beiden ihre zerstörerische Liebe leben, sucht auf deutschsprachigen Bühnen Ihresgleichen. Hinzu kommt die großartige Oda Thormeyer, die sich als Lilioms Geliebte und Arbeitgeberin geschlagen geben muss und doch nicht von ihm loskommt. Diese drei sind das pulsierende Herz einer Inszenierung, die vor Energie geradezu sprüht – woran auch Yohan Steglis verrückte choreographische Ideen einen gehörigen Anteil haben.

Und was macht der Menschenfreund Mundruczó mit dem Finale? Er gibt dem störrischen Liliom trotzdem eine Chance: Bei der Begegnung mit seiner Tochter Luise lässt er ab von der Gewalt. Mila Zoe Meier hat das Down-Syndrom. Vor ihrer Aufrichtigkeit geht er in die Knie. Und selbst dieses sentimentale Ende nimmt man der Inszenierung ab.

Im nächsten Jahr feiert das Festival in Salzburg sein 100-jähriges Bestehen

Kornél Mundruczó inszeniert zum ersten Mal in Salzburg. Es ist das Verdienst von Bettina Hering, ihn für die Festspiele entdeckt zu haben. Seit drei Jahren ist die in Zürich geborene vormalige Intendantin des Landestheaters Niederösterreich in St. Pölten zuständig für das Schauspielprogramm des Festivals, das im nächsten Jahr sein 100-jähriges Bestehen feiert.

Intendant Markus Hinterhäuser hat sie geholt. Und er hat gut daran getan, den mit diesem Posten überforderten Schauspieler Sven Eric Bechtolf abzulösen. Seitdem kann man in Salzburg wieder in der Summe interessante Regiehandschriften erleben: Frank Castorf war da und Thomas Ostermeyer, Johan Simons und Ulrich Rasche, Andrea Breth und Karin Henkel.

Mehr Frauen könnten es sein, räumt Bettina Hering, Jahrgang 1960, Mutter dreier Töchter, ein. Aber sie seien oft noch weniger disponibel als ihre männlichen Kollegen. Und in Salzburg muss weit voraus gedacht werden: Die Planungen für die Jubiläumssaison würden gerade "finalisiert", sagt die Programmchefin in ihrem mit Barockmöbeln aus dem Fundes bestückten charmanten Büro über den Dächern Salzburgs. Verraten kann sie darüber natürlich nichts – außer dass es eine große Ausstellung im Landesmuseum zu 100 Jahren Salzburger Festspiele geben wird. Aber natürlich sei man sich der großen Bedeutung des Datums bewusst.

Alle Salzburger Besucher wollen Spitzenkunst feiern

Bettina Hering muss einen Spagat vollbringen. Sie spricht nicht von Spagat, sondern von zwei Publika mit unterschiedlichen Erwartungen. Die einen kommen nach Salzburg, um vor allem überragende Schauspieler zu sehen. Auch Hering legt ihr Augenmerk sehr darauf, organisiert Lesereihen mit den ersten Kräften des Landes, mit Senta Berger oder Burghart Klaußner. Keine Produktion, bei der sie nicht auch an der Besetzungsliste mitwirkt. Die anderen suchen eher eine markante Regiehandschrift, sind offen für Experimente.

Allen Salzburger Besuchern, sagt Hering, sei indes eines gemein: Sie wollen nicht nur Spitzenkunst erleben, sondern auch feiern. Man treffe hier auf ein entspanntes Publikum, sagt Hering. Leute, die nicht am nächsten Tag schon wieder zur Arbeit müssten. Für die die Teilnahme an den Festspielen auch Urlaub ist. Den Einwand, dass man sich das auch leisten können müsse, wischt Hering beiseite. Karten gebe es zumindest im Schauspiel schon ab 20 Euro. Das sei für jeden erschwinglich.

Theater sei für sie wie Quecksilber

Und es gehe nicht anders. Die Karten müssen 75 Prozent der Kosten erwirtschaften. Die Salzburger Festspiele sind kein Subventionsbetrieb. Trotzdem beharrt Hering auf deren Innovationskraft – auch im Musiktheater, das mit großen Stimmen allein nicht mehr punkten könne. Hier hat sich die Handschrift von Markus Hinterhäuser deutlich bemerkbar gemacht: zur allseitigen Zufriedenheit. Sein Vertrag wurde bis 2026 (!) verlängert. Herings Engagement läuft einstweilen bis 2021. Gut vorstellbar, dass sie darüber hinaus bleibt. 35 Jahre Theatererfahrung fließen in ihre Arbeit ein. Sie besitzt, so drückt sie es aus, ein "inneres Archiv", aus dem sie schöpfen kann. Theater sei für sie wie Quecksilber. Man kriege es nicht zu fassen.

Dass das Schauspiel in Salzburg die kleine Schwester der Musik sei, sieht sie nicht so. Es gebe fast so viel Theater- wie Opernvorstellungen. Außerdem sei es sinnlos, die Sparten in Konkurrenz zu sehen. "Schauspiel ist etwas komplett anderes." Es sei viel freier im Umgang mit dem Material als die Oper. Für sie, die an ihrem Beruf vor allem die Vielseitigkeit – zwischen Management, Gedankenarbeit und den unendlich vielen Gesprächen – liebt, ist ohnehin klar: "Das Ganze ist das Programm." Und das jetzt schon seit fast hundert Jahren.