Bei den unter 30-Jährigen sind die Grünen stärkste Kraft

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mo, 27. Mai 2019

Ausland

CDU/CSU verdankt ihren Wahlsieg der älteren Generation "60 plus" / Jüngere Wähler stimmten kaum noch für die Sozialdemokraten.

Diese Analyse wurde der Badischen Zeitung aus Mannheim von der Forschungsgruppe Wahlen zur Verfügung gestellt.

» Zusammenfassung
Bei der Europawahl fallen Union und SPD auf historische Tiefststände, die Grünen werden mit einem Rekordergebnis erstmals zweitstärkste Kraft bei einer bundesweiten Wahl. Die AfD legt zu, Linke und FDP bleiben schwach, die sonstigen Parteien verzeichnen viel Zuspruch. Die Wahlbeteiligung steigt bei einer ungewohnt starken europapolitischen Komponente der Wahl sichtbar an.

» Verluste von CDU und SPD
Verantwortlich für die Unionsverluste und das SPD-Desaster sind relative Defizite bei Parteiansehen, Regierungsarbeit, Sachkompetenz und Spitzenpersonal. Zwar werden die Europa-Kandidaten von Union und SPD, Manfred Weber (Ansehen auf +5-/-5-Skala: 1,4) und Katarina Barley (1,1), positiv bewertet, entwickeln bei geringer Bekanntheit aber nur bedingt Zugkraft. Annegret Kramp-Karrenbauer (0,6) und vor allem Andrea Nahles (minus 0,2) bleiben schwach: Nur 22 Prozent der Befragten halten die CDU-Chefin und nur 16 Prozent die SPD-Vorsitzende als hilfreich für das Abschneiden ihrer Partei. 38 Prozent sehen für die Union diese Hilfe in Angela Merkel (1,3; 2014: 2,3).

Die CDU/CSU verdankt ihren Wahlsieg der älteren Generation: Unter den beteiligungsstarken 60-Jährigen holt sie 39 Prozent, bei den 18- bis 29-Jährigen bricht sie auf 13 Prozent ein. Die SPD schafft bei der Generation "60 plus" noch 22 Prozent, von allen unter 60-Jährigen wählen gerade noch zwölf Prozent die Sozialdemokraten.

» Der Aufstieg der Grünen
Während 66 Prozent meinen, dass traditionell-konservative Positionen in der CDU zuletzt eine zu große Rolle spielten, profitieren die Grünen von erheblich gewachsener Akzeptanz in der politischen Mitte: Mit viel Reputation auch in anderen politischen Lagern stehen die Grünen für 52 Prozent für eine "moderne, bürgerliche Politik"". Beim Parteiansehen haben die Grünen mit 1,2 (2014: 0,2) die CDU (1,2; 2014: 1,7) eingeholt und die SPD (0,8; 2014: 1,5) sichtbar überholt. Bei den Kompetenzen im Bereich Klimaschutz werden Union und SPD von den Grünen deklassiert. Die Grünen werden nicht nur bei den 18- bis 29-Jährigen mit 29 Prozent klar stärkste Kraft, sondern liegen mit 25 Prozent jetzt auch bei den Unter-60-jährigen knapp vor der CDU/CSU (22 Prozent). In der Generation "60 plus" bleiben die Grünen mit 13 Prozent schwach.

» Die Rolle der Großen Koalition
Die Arbeit der Großen Koalition in Berlin wird deutlich schwächer bewertet (0,5; 2014: 1,3). Speziell europapolitisch fühlen sich weniger Wähler von Union oder SPD vertreten als vor fünf Jahren. 42 Prozent der Befragten kritisieren zu wenig Einsatz der Bundesregierung für ein starkes Europa (zu viel: 13 Prozent; gerade richtig: 40 Prozent) bei einer Europawahl. Bei der war die Politik in Europa (56 Prozent; 2014: 40 Prozent) für die Wähler erstmals wichtiger als die Bundespolitik (38 Prozent; 2014: 54 Prozent). Flankiert von vielen, auch europaweit wichtigen Themen wie Flüchtlinge, Klimawandel, (Rechts-)Populismus oder Brexit interessieren sich jetzt 63 Prozent stark für die Wahl und 49 Prozent stark für Europapolitik (2014: 40/33 Prozent).

» Bedeutung der Europapolitik
Nach einem erheblichen Bedeutungszuwachs zu früheren Jahren halten inzwischen 71 Prozent (2014: 56 Prozent) Entscheidungen des Europaparlaments für wichtig. Zwar sind nur 39 Prozent (2014: 26 Prozent) zufrieden damit, wie in Europa Politik gemacht wird. Doch mit 55 Prozent (2014: 32 Prozent) sehen so viele wie noch nie direkt vor einer Europawahl in der EU-Mitgliedschaft Vorteile für die Deutschen.

» Die Populisten
Konträr zur pro-europäischen Grundstimmung in Deutschland insgesamt sehen die AfD-Anhänger die EU-Mitgliedschaft eher kritisch, beklagen zu viel Einfluss der EU und fordern mehr nationale Eigenständigkeit. Für 63 Prozent der AfD-Wähler (alle Befragten: zehn Prozent) sind "die Rechtspopulisten in Europa die Einzigen, die sich um die wirklichen Interessen der Bürger kümmern". Dagegen sehen 80 Prozent der Befragten im Erfolg europakritischer, populistischer und rechter Parteien ein großes Problem für die Zukunft der EU. Das Image der AfD ist seit ihrem ersten großen Erfolg bei der letzten Europawahl mit minus 3,1 (2014: minus 1,5) nochmals klar gesunken; nach Meinung von 79 Prozent ist rechtsextremes Gedankengut in der AfD weit verbreitet. Den stärksten Zuspruch erhält die AfD wie gewohnt bei Männern mittleren Alters, im Osten liegt die AfD bei männlichen Wählern auf CDU-Niveau.

» FDP, Linke und Freie Wähler
Beim Parteiansehen können sich Linke (minus 0,4; 2014: minus 0,9) und FDP (0,2; 2014: minus 1,0) verbessern, ohne zu überzeugen. Die Freien Wähler schneiden in allen Altersgruppen ähnlich ab.

Die Zahlen basieren auf einer telefonischen Befragung der Forschungsgruppe Wahlen unter 1123 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten in Deutschland in der Woche vor der Wahl sowie auf der Befragung von 54 054 Wählerinen und Wählern am Wahltag.