Mikroplastik & Chemikalien im Rhein

Chemiker: "Wir müssen schauen, dass das Wasser so sauber wie möglich bleibt"

Savera Kang

Von Savera Kang

Mo, 14. Oktober 2019 um 12:06 Uhr

Südwest

Der Sonntag Was in Basel in den Rhein gelangt, fließt teilweise bis in die Nordsee. Steffen Ruppe erklärt, welche Stoffe von Kläranlagen nicht herausgefiltert werden können und welchen Anteil Privathaushalte haben.

Der Sonntag: Herr Ruppe, Chemieunternehmen leiten ihre Abwässer in Kläranlagen, und von dort gelangt dieses Wasser in den Rhein, teilweise noch immer mit Chemikalien belastet, richtig?

Ruppe: Ja. Die großen Industriekläranlagen haben im Vergleich zu kommunalen Anlagen aufwendigere Prozesse und die Verweilzeit der Abwässer ist in diesen Anlagen wesentlich länger, was die Abbauraten erhöht. Trotzdem sind nicht alle Substanzen abbaubar. Einige gelangen, teilweise zu anderen Molekülen transformiert, in den Rhein.

Der Sonntag: Gäbe es also Kapazitäten, Abwässer noch länger in Kläranlagen zu belassen, würde das schon helfen?

Ruppe:


Teilweise. Oder man baut zusätzliche Prozesse ein. In der Schweiz werden gerade die hundert größten kommunalen Kläranlagen mit der vierten Reinigungsstufe ausgestattet. Sie funktioniert mit Aktivkohle und/oder durch Ozonisierung und baut Mikroverunreinigungen, Haushaltschemikalien, weiter ab.

"Aktuellen Zahlen nach nutzen mehr als 20 Millionen Menschen den Rhein als Trinkwasserquelle."

Der Sonntag: Welches sind die drei Stufen davor?

Ruppe: Wir haben im Wesentlichen eine mechanische Reinigung am Anfang, dann eine biologische – sie arbeitet mit Bakterien – und die dritte Stufe benutzt chemische Verfahren wie zum Beispiel die Fällung von Phosphor.

Der Sonntag: Nun gibt es etwas, das nennt sich Oberliegerverantwortung. Was ist darunter zu verstehen?

Ruppe: Der Rhein fließt ja von Basel durch Deutschland bis nach Holland. Was von uns hier in den Rhein eingeleitet wird, landet letztendlich – wenn es stabil genug ist – auch in der Nordsee. Somit können die Stoffe auch in das Rohwasser gelangen, das die sogenannten Unterlieger für ihre Trinkwasserherstellung verwenden. Darum müssen wir schauen, dass das Wasser so sauber wie möglich bleibt. Aktuellen Zahlen nach nutzen mehr als 20 Millionen Menschen den Rhein als Trinkwasserquelle – wie zum Beispiel auch hier in Basel. Man sollte aber nicht vergessen: Trinkwasser ist das bestüberwachte Lebensmittel.

Der Sonntag: Da findet sicher ein Austausch unter den "Anrheinern" statt?

Ruppe:


Ja, er wird von der internationalen Kommission zum Schutz des Rheins koordiniert. Dabei geht es nicht nur um gemessene Chemikalien, sondern beispielsweise auch um Themen wie die Durchgängigkeit für Fische.

"Valsartan als typischer Vertreter der Sartane ist immer im Rhein."

Der Sonntag: Wenn Sie also an der Rheinüberwachungsstation also feststellen, dass Blutdrucksenker im Fluss sind, dann melden Sie es dort?



Ruppe: Wir müssen uns nichts vormachen: Valsartan als typischer Vertreter der Sartane ist immer im Rhein, solange es als Medikament verschrieben wird. Das wird in jährlichen Berichten zusammengefasst und alle können es nachlesen. Man kann davon ausgehen, dass durch die Zuflüsse und hohe Bevölkerungsdichte am Rhein in Deutschland und den Niederlanden diese Fracht sich dort noch mal deutlich erhöht. Was wir sofort melden, sind Unfälle und außerordentliche Ereignisse. Dann können die Unterlieger in der Zeit, in der das betreffende Wasser vorbeifließt, die Wasserentnahme aus dem Rhein stoppen und die Trinkwasserquellen schützen.

Der Anteil der Industrie und der Privathaushalte

Der Sonntag: Sie sprechen Medikamentenrückstände an: Sind Verschmutzungen durch Privathaushalte also das größere Problem oder doch die Landwirtschaft und die Industrie?

Ruppe: Hier im Basler Rhein bekommen wir relativ wenig von landwirtschaftlichen Pestizideinträgen mit – die sind eher ein Problem, wenn es zu Starkregen und somit Abschwemmungen kommt und das Problem betrifft Regionen mit kleineren Flusssystemen stärker. Auch beim Grundwasser ist die Landwirtschaft in der Pflicht. Herbizide wie Mecoprop sind aber nicht nur in der Landwirtschaft ein Thema, sondern auch im Siedlungsbau, beispielsweise bei Beschichtungen vor der Behandlung von Hausanstrichen, um Algenwachstum zu vermeiden.

Der Sonntag: Und die Industrie?



Ruppe: Ist sicherlich eine Quelle. Aber die Unternehmen sind an Kläranlagen angeschlossen, da muss ich sozusagen nur an einem Punkt ansetzen. Privathaushalte jedoch betreffen jede kleine Kläranlage. Wir wollen niemandem seine notwendigen Medikamente vorenthalten – die älter werdende Gesellschaft mit ihrem Pharmakonsum wird immer Pharmaka in Kläranlagen und vielleicht auch Gewässern haben. Anderes, wie Süßstoffe beispielsweise, wäre vermeidbar. Und jeder kann sich überlegen, ob er wirklich Chemikalien in seinem Garten ausbringen muss. Braucht er welche, sollte darauf geachtet werden, sie nicht gerade dann zu verwenden, wenn für den nächsten Tag Regenangekündigt ist.
Aktuelle Zahlen

zeigen die Belastungen, die 2018 bei Beprobungen an der Rheinüberwachungsstation Weil am Rhein gemessen wurden (Auswahl):
Acesulfam (synthetischer Süßstoff) 10 Tonnen pro Jahr
Metformin (Arzneimittel, beispielsweise für Diabetiker) 8,3 Tonnen pro Jahr
Sucralose (synthetischer Süßstoff) 5,2 Tonnen pro Jahr
Iopromid (Kontrastmittel) 3,5 Tonnen pro Jahr
Gabapentin (Arzneimittel, beispielsweise gegen Epilepsie) 1,6 Tonnen pro Jahr
Valsartansäure (Arzneimittel, beispielsweise zum Blutdrucksenken) 1,8 Tonnen pro Jahr
Diethyltoluamid (chemisches Insektenabwehrmittel) 0,37 Tonnen pro Jahr
Tetrahydrofuran (organisches Lösungsmittel) 0,25 Tonnen pro Jahr