Grenzach-Wyhlen

Neun Coronavirus-Fälle in Seniorenheim am Hochrhein – Lage scheint unter Kontrolle

Verena Pichler, Karl Heidegger und KNA

Von Verena Pichler, Karl Heidegger & KNA

Mo, 30. März 2020 um 16:29 Uhr

Grenzach-Wyhlen

Die Hiobsbotschaften häufen sich: In immer mehr Altenheimen gibt es Corona-Infektionen. Nun ist eine Einrichtung in Grenzach-Wyhlen betroffen. Die "Himmelspforte" hat schnell reagiert, um die Gefahr zu minimieren.

Die schlechte Nachricht ist: Sechs Bewohnerinnen und Bewohner des Seniorenheims in Grenzach-Wyhlen sind mit dem Coronavirus infiziert, eine Frau befindet sich stationär im Krankenhaus. Zudem ist eine weitere Mitarbeiterin positiv getestet worden, nachdem das Virus bereits vergangene Woche bei zwei ihrer Kolleginnen nachgewiesen worden war. Das gab Aufsichtsratsmitglied Karl-Heinz Huber in einem gemeinsamen Pressegespräch mit Bürgermeister Tobias Benz bekannt. Das Pflegeheim Himmelsporte liegt im Ortsteil Wyhlen der 15.000-Einwohner-Gemeinde Grenzach-Wyhlen.



Es war die Pressemitteilung vom vergangenen Donnerstag, die den Stein ins Rollen gebracht hat, wie der Pressesprecher des St. Josefshauses, Andreas Gräff, in einem gemeinsamen Gespräch mit Huber und Bürgermeister Tobias Benz am Montag erläuterte. Kaum war die Nachricht, dass sich zwei Verwaltungsmitarbeiterinnen infiziert hätten, publik, meldeten sich mehrere Angehörige. Ob denn daran gedacht worden sei, diejenigen Mitarbeiter, die sich zuvor krankgemeldeten hätten, abzufragen. Aus Datenschutzgründen wird in der Krankmeldung an den Arbeitgeber nicht der Grund genannt. "Wir haben dann gleich alle abtelefoniert", so Huber. Drei von ihnen hatten tatsächlich bereits Kontakt mit dem Gesundheitsamt aufgenommen, weil sie passende Symptome bei sich festgestellt hatten.

Um Klarheit zu bekommen, wurden am Samstagmorgen alle Mitarbeiter der Himmelspforte auf das Gelände des St. Josefshauses – einer der rund 20 Gesellschafter der Einrichtung – bestellt und vor Ort getestet. Ebenso wurden alle Bewohner einem Test unterzogen. "Wir haben das große Glück, dass unser ärztlicher Dienst solche Tests vorrätig hat und ausgeben konnte", so Huber. Als weiterer Glücksfall stellte sich heraus, dass eine Angehörige eines Bewohners gute Kontakte zu einem schweizerischen Labor hat. Dieses erklärte sich bereit, die Tests schnell abzuarbeiten, so dass am Sonntag die Ergebnisse vorlagen: Sechs Bewohner tragen das Virus in sich, wovon eine auf eigenen Wunsch bereits seit Freitag im Krankenhaus ist. Eine Mitarbeiterin der Hauswirtschaft, die keinen Kontakt zu den Bewohnern hatte, wurde ebenfalls positiv getestet. "Vier weitere Tests von krankgeschriebenen Mitarbeitern stehen noch aus", so Huber.

Quarantänestation konnte schnell eingerichtet werden

Durch die gute Infrastruktur konnte innerhalb kurzer Zeit eine Quarantänestation errichtet werden. Die fünf in der Einrichtung verbliebenen Senioren – alle sind weit über 80 Jahre alt – werden in Schulungsräumen untergebracht, die neben einer in der Himmelspforte befindlichen Wohngruppe für Menschen mit Behinderung liegen. Die Mitarbeiter des Werkhofs haben dabei geholfen, die drei Räume ansprechend herzurichten. Ein betroffener Mann wird alleine untergebracht, die vier Frauen teilen sich je zu zweit einen Raum. "Es sind große, helle, freundliche Räume", betont Huber.

"Sie husten alle und haben erhöhte Temperatur, aber kein Fieber." Karl-Heinz Huber
Angehörige hätten sie sich im Vorfeld auch anschauen können. Die Benachrichtigung per Mail – bei negativem Ergebnis – und per Telefon hatte Aufsichtsratsmitglied Walter Schwarz übernommen. "Die Reaktionen waren unterschiedlich, jedoch gefasst." Auch den betroffenen Bewohnern ginge es den Umständen entsprechend gut. "Sie husten alle und haben erhöhte Temperatur, aber kein Fieber."

Die Mitarbeiter seien am Freitag, beim großangelegten Test, zum Teil sehr angespannt gewesen, auch Furcht sei zu erkennen gewesen. Die Erleichterung, dass das Pflegepersonal komplett gesund ist, sei riesig. "Das wäre ein großes Problem gewesen, wenn wir ein Drittel oder mehr in Quarantäne hätten schicken müssen", so Huber. Er steht in ständigem Kontakt zur stellvertretenden Pflegedienstleiterin Manuela Kaltenbach. "Die macht das hervorragend." Froh über das gute Krisenmanagement ist auch Bürgermeister Tobias Benz. Dieser Fall zeige exemplarisch, wie wichtig schnelle Tests seien.

44 davon hat der Leiter des ärztlichen Dienstes, Adolf Diefenhardt, aus seinem eigenen Bestand zur Verfügung gestellt. Neun hat er bisher vom Landkreis zurückbekommen. Denn auch für die Bewohner des St. Josefshauses muss es im Fall des Falles schnell gehen. "Zum Glück haben wir bisher keinen Verdachtsfall", so Gräff.

Um die Versorgung der Bewohner in der Himmelspforte sicherzustellen, wurden Teams von Pflegekräften gebildet, die untereinander keinen Kontakt haben. Einer der vier Ärzte, die für die Himmelspforte arbeiten, wurde für die Quarantänepatienten abgestellt. Die fünf Bewohner dürfen miteinander essen und reden. "Sie müssen jetzt alle durch den Krankheitsverlauf durch." Und auch die Bewohner aus der Wohngruppe nebenan haben dafür gesorgt, dass sich die temporären Nachbarn wohlfühlen. In großen, laminierten Buchstaben steht "Herzlich Willkommen" am Eingang.

Die Nachrichten aus dem Kreis Lörrach fallen in eine Zeit, in der sich viele Mensche In den 11.700 vollstationären Pflegeheimen in Deutschland werden mehr als 800.000 Menschen betreut. Die Ausbreitung des Coronavirus trifft diese Gruppe immer stärker. In zwei Pflegeheimen in Würzburg (12) und Wolfsburg (15) starben bis Sonntag etliche Bewohner. Dutzende weitere haben sich mit dem Virus angesteckt, ebenso zahlreiche Pflegerinnen und Pfleger. Experten verweisen zudem auf zahlreiche Tote in italienischen und spanischen Heimen.

Pflegeheime – "ein hochgefährlicher Ort"?

"Die Nachrichten von infizierten Pflegebedürftigen und Pflegekräften sowie von Verstorbenen sind bedrückend", sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Es fehle an Atemschutzmasken, Desinfektionsmittel und Schutzkleidung: "Doch nichts geschieht, um diese Misere schnell zu beseitigen." Insofern seien Pflegeheime derzeit "ein hochgefährlicher Ort" für Mitarbeiter und Bewohner.

"Wir haben einen Pflege-Rettungsschirm aufgespannt, der sofort hilft." Gernot Kiefer
Brysch forderte von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), zusammen mit dem Robert-Koch-Institut Schutzpläne für Alten- und Pflegeheime zu verabschieden. Wenn es in der Pflege zu einem Flächenbrand komme, könne auch die Intensivmedizin die vielen betroffenen Menschen nicht mehr retten.

Die Pflegekassen haben unterdessen umfassende finanzielle Unterstützung für Heime und Pflegedienste zugesagt. "Wir haben einen Pflege-Rettungsschirm aufgespannt, der sofort hilft", zitiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung den stellvertretenden Vorstandschef des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung, Gernot Kiefer. Mehrkosten für Schutzausrüstung oder Personal würden voll von der Pflegeversicherung übernommen.