Brief

Nicht der Brief ist zu langsam, die Zeit ist zu schnell

Rolf Hansmann, Freiburg

Von Rolf Hansmann & Freiburg

Do, 10. September 2020

Leserbriefe

Zu: "Zu langsam für diese Zeit", Beitrag von Bettina Schulte (Kultur, 1. September)

Im Umkehrschluss dürfte es heißen: "Diese Zeit, zu schnell für den Brief". Wäre für den handgeschriebenen Brief nicht eine Lanze zu brechen? Oder, wie es schon Horst Krüger in der Badischen Zeitung vom 18. Juli 1953 betonte, ihm ein ausdrückliches Lob zuzuerkennen? Ja, es scheint kaum nachvollziehbar. Schon vor knapp 70 Jahren sah sich das Feuilleton genötigt, auf den Schwund des wesentlichen Kulturgutes "Brief" hinzuweisen und dessen Bedeutung dem Menschen ins Bewusstsein zu rufen.

Nicht der Brief ist zu langsam. Die Zeit, über die der heutige Mensch befindet, ist zu schnell. Man liest es auch wieder in der BZ-Ausgabe vom 5. September 2020, wenn die 5-G-Technik, von den Zwängen eines blinden Industrieehrgeizes getrieben, selbst die Behörden Freiburgs überrollt. Seit langem wird ja der Wert der Handschrift und deren Vermittlung in Erziehungs- und Bildungsprozessen diskutiert.

Man kommt nicht um die Erkenntnis herum, dass die Feinmotorik beim Einsatz der Hände und Finger eng verknüpft ist mit der Organentwicklung des heranwachsenden Menschen. Wie uns "die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" (Heinrich von Kleist) begleitet, so haben wir es hier mit der allmählichen Entwicklung des Denkens beim Schreiben mit der Hand zu tun

Und noch eines scheint bedenkenswert bei der gewissenhaften Betrachtung des Briefeschreibens: Die individuelle Handschrift verleiht dem Brief seine unverwechselbare und originäre Ausdruckskraft allein schon dadurch, dass das lesende Auge des Empfangenden dieselbe Verlaufsspur in der Schrift nachvollziehen darf – oder muss –, die die Hand des Schreibenden der fließenden Feder des "Werkzeugs" Füllfederhalter anvertraut hat.

Welch eine schöne Brücke der seelischen Einvernahme und der sozialen Verständigung ist das im stimmigen Vorfeld jeder weiteren Mitteilungsabsicht! Vor diesem Hintergrund breitet sich das Bedauern darüber aus, mit welch unliebsamer Beschleunigung sich physisch-psychisch-mentale Verkümmerungserscheinungen bei jungen Menschen im gesamten Bildungs- und Ausbildungssektor beobachten lassen, die aber mit digitaler Wissensanhäufung kaum auszugleichen sind.

Im Zuge der aktuellen Pandemiediskussion wurde, wie ja auch der Bericht vermerkt, der Brief als kommunikatives Besinnungsinstrumentarium empfohlen. Das ist gut so. Mehr noch, die Eltern und vor allem die Großeltern sollten sich als Schreibvorbilder den Jüngsten anbieten und diese zu handschriftlichen Zeugnissen eigenen Erlebens und Empfindens inspirieren und auch zum Adressieren und Versenden derselben anregen.