Freilerner

"Nie wieder musst du da hin": Warum Familien ihre Kinder nicht in die Schule schicken

Stefanie Nickel

Von Stefanie Nickel

So, 18. August 2019 um 09:57 Uhr

Liebe & Familie

BZ-Plus Was tun, wenn Schule für Kinder unerträglich ist? Sie einfach selber unterrichten? In Deutschland ist das im Gegensatz zu anderen Ländern ein Problem. Zu Besuch bei zwei Familien mit großen Problemen.

Nie hätte Sabine Wessel sich vorstellen können, dass sie einmal ein Leben in der Illegalität führen würde. Dass sie die rosafarbenen Vorhänge im Zimmer ihrer Mädchen vormittags geschlossen halten würde. Dass sie sie ermahnen würde, leise zu sein, aus Angst vor den Nachbarn, aus Angst davor, verraten zu werden. Aber es ging nicht mehr. Als ihre älteste Tochter Loreen eines Abends auf dem Bett saß und dieses sonst eher ruhige Mädchen anfing zu brüllen, zu weinen und immer fragte: "Warum muss ich da hin?", da wurde der Mutter klar, dass sie dem Ganzen ein Ende setzen muss.

Seit Dezember 2017, so erzählt es Sabine Wessel am Esstisch, geht die zwölfjährige Loreen nicht mehr zur Schule, im Sommer 2018 wehrt sich auch die zwei Jahre jüngere Alexandra so massiv, dass die Mutter sie ebenso zu Hause lässt.

Wenn es an der Tür klingelt, zuckt Sabine Wessel zusammen
Die Mädchen müssen sich verstecken. Vormittags dürfen sie nicht zu nah an die Fenster treten. Niemand soll wissen, dass sie nicht in der Schule sind. Wenn es an der Tür klingelt, zuckt Sabine Wessel jedes Mal ein wenig zusammen. Sie hat Angst, dass es die Polizei oder das Jugendamt sein könnte und man ihr die Kinder wegnimmt. Die Familie ist vorsichtig und will ihre richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.

In Deutschland herrscht Schulpflicht. Wer seine Kinder zu Hause unterrichtet, riskiert soziale Ausgrenzung und Strafen – Bußgelder, in manchen Bundesländern sogar Freiheitsstrafen oder Sorgerechtsentzug. Kaum ein anderes Land hat so rigide Regeln. In Großbritannien, Portugal, den USA oder Kanada gilt Bildungspflicht. Wo die Kinder dort lernen, ist egal. Hauptsache, sie lernen.

Freilerner-Familien vertrauen darauf, dass Kinder aus eigenem Antrieb lernen
Trotz des Verbots gibt es eine kleine, aber wachsende Gruppe von Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schickt. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages schätzen die Anzahl auf 500 bis 1000. In der Szene geht man von rund 3000 Kindern aus. Während Homeschooler von ihren Eltern unterrichtet werden, vertrauen Freilerner-Familien darauf, dass die Kinder aus eigenem Antrieb lernen. In der Szene finden sich freigeistige Menschen, religiöse Fundamentalisten, aber auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft.

"Wir konnten es irgendwann mit unserem Gewissen nicht mehr vereinbaren, Loreen ...

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