Trockenheit und Gestank

Niedrigwasser, Muscheln und Algen belasten den Bodensee

Uli Fricker & dpa

Von Uli Fricker & dpa

Fr, 05. August 2022 um 17:19 Uhr

Südwest

Der Bodensee und das Umland leiden unter der aktuellen Hitze. Die Pegel sind niedrig wie lange nicht mehr und Algen und Muschlen verbreiten sich. Das Trinkwasser geht aber nicht so schnell aus.

Manchem Urlauber und Freizeitkapitän hat es in diesem Sommer frühzeitig die Saison am Bodensee verdorben. Der Grund liegt im anhaltenden Niedrigwasser, wodurch vor allem den Segelschiffen die vielzitierte Handbreit Wasser unter dem Kiel fehlt. Die Gemeinden, die in der Regel die begehrten Bojenplätze vergeben, raten den Besitzern dringend, ihre Boote aus dem Wasser zu ziehen. In den Seebädern wird der Zugang zum See immer länger, die Uferzone riecht mancherorts übel. Der Bodensee leidet ringsum.

Die Pegel sind so niedrig wie lange nicht mehr

Der Pegel – gemessen am Hafen Konstanz – liegt Anfang August bei 3,23 Meter. Gewöhnlich liegt er zu dieser Jahreszeit bei 4,60 Meter. Auf einige Kursschiffe wirkt sich die Knappheit bereits aus: zwischen Stein am Rhein und Diessenhofen in der Schweiz kann der Seerhein nicht mehr befahren werden. Das ist eine beliebte Strecke, da sie die Schönheit des Rheins mit der Landschaft des Bodensees verbindet. Auch am Altenrhein, wo der alpine Rhein in den Bodensee eintritt, verkehren keine Ausflugsschiffe mehr, da immer mehr Flächen verlanden. "Kann man bald wieder auf Sandbänken feiern?", fragte die lokale Zeitung in der Überschrift. Damit spielt sie auf das Jahr 2003 mit einem extrem heißen Sommer sowie auf das Jahr 2018 an. Die Hitze der beiden Sommer legte schmale Landzungen frei, auf denen beispielsweise zwischen der Insel Reichenau und dem Vogelschutzgebiet Mettnau gefeiert werden konnte, Blasmusik inbegriffen.

Die Wasserversorgung ist sichergestellt

Und wenn dem Bodensee das Waser ausgeht? Diese zentrale Frage stellt sich mancher Urlauber und Baden-Württemberger, wenn er an das drängende Phänomen des Niedrigwassers denkt. Vier Millionen Menschen nutzen derzeit das kostbare Lebensmittel aus dem größten Gewässer des Landes. Sie werden über die Bodensee-Wasserversorgung beliefert, die zu diesem Zweck einige hundert Kilometer an Rohren verlegt hat, um die Kommunen im Land zu versorgen. Der größte Wasserlieferant des Landes entnimmt das Wasser vor dem Ufer von Sipplingen (Bodenseekreis) in 60 Meter Tiefe. Aus Sipplingen wird indes klare Entwarnung signalisiert: "Der Bodensee liefert Wasser im Überfluss", sagt Sprecherin Teresa Brehme.

"Der Bodensee liefert Wasser im Überfluss" Teresa Brehme
Auch wenn Schwimmer in eine morastige Brühe steigen und Boote ans Ufer gezogen werden müssen, täuscht der Eindruck der Knappheit: Aus Sicht der Sipplinger Techniker gibt es kaum Grund zur Unruhe. "Der Alpenrhein liefert mit Abstand das meiste Wasser. Insgesamt 11,5 Milliarden Kubikmeter Wasser fließen jährlich in den Bodensee. Das ist hundertmal mehr, als die Bodensee-Wasserversorgung entnimmt", berichtet Brehme.

Die Sipplinger Versorger weisen auf eine internationale Vereinbarung hin. Demnach dürfen sie mit Hilfe ihrer Pumpstationen in der Tiefe bis zu 670 Millionen Liter täglich entnehmen. "Auf den Pegel des Bodensees hat die Entnahme von Trinkwasser keinen messbaren Einfluss", heißt es aktuell. Denn die Sonne trinkt mehr: Im Mittel ist die Verdunstung doppelt so hoch wie die Entnahme der Bodensee-Wasserversorgung.

Muscheln und Algen stören Bootsfahrt und Badebetrieb

Hydrologen und Chemikern macht dagegen etwas anderes zu schaffen: die Quagga-Muschel, die in Größe und Aussehen entfernt einer Miesmuschel ähnelt. Durch den Schiffsverkehr wurde sie vermutlich aus dem Schwarzen Meer in den Südwesten eingeschleppt. Die Muschel hat nicht nur scharfe Kanten, so dass sich Schwimmer daran immer wieder leichte Schnittwunden einfangen. Sie bereitet vor allem deshalb Probleme, weil sie sich sprunghaft vermehrt.

Die Quagga bildet Kolonien, deren Klumpen sich oft an den metallischen Installationen festsetzten. Handläufe werden ebenso heimgesucht wie die Gitterroste oder die Geräte der Wasserversorgung. Mit aufwändigen Arbeiten müssen die Rohre freigehalten werden, durch die das Wasser vom Grund in die Aufbereitungsbecken geleitet wird. Vor dem Ufer von Sipplingen wird an einer weiteren Pumpstation gearbeitet, um die existenzielle Infrastruktur auf mehr Beine zu stellen. In das Programm "Zukunftsquelle" soll ab 2024 ein dreistelliger Millionenbetrag fließen, sagt Brehme.

Für den Menschen harmlos sind hingegen die schwimmenden Algenteppiche, die sich derzeit auf dem Bodensee etwa bei Langenargen ausbreiten und den Badespaß trüben. Gründe für die grüne und schmierige Schicht auf dem See sind laut Institut für Seenforschung die hohen Temperaturen und das nährstoffreiche Wasser im Uferbereich, wie die Gemeinde im Bodenseekreis mitteilte.

Eine stark ausgeprägte Niedrigwassersituation

Die Ursache für das Niedrigwasser liegt in einem regenschwachen Halbjahr. Nach Auskunft der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) gingen von Januar bis Juni nur 80 Prozent des Regens nieder, mit dem sonst gerechnet werden durfte, berichtet Tatjana Erkert, Sprecherin der LUBW. Auch aus den Alpen kam deutlich weniger Schmelzwasser als in den Vorjahren; die Schneefelder waren schwächer bestückt als in den Jahren zuvor. Deshalb spricht die LUBW von einer "stark ausgeprägten Niedrigwassersituation". Auch deshalb ist mit dem anderen Wetterextrem in diesen Tagen nicht zu rechnen: Überflutete Ufer oder volllaufende Keller sind derzeit kein Thema. Auf der Startseite der LUBW heißt es deshalb lakonisch: "Die Hochwasservorhersagezentrale ist derzeit personell nicht besetzt."

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