Vortrag der Amadeu-Antonio-Stiftung

Öko und antisemitisch: Fans der "Anastasia"-Bewegung gibt es auch in Freiburg

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Fr, 15. November 2019 um 11:30 Uhr

Freiburg

Sie wirken wie Hippies, aber haben völkische und verschwörungstheoretische Ansichten. Bei einem Vortrag des Demokratiezentrum wurde über die aus Russland stammende Gruppe informiert.

Beinahe hätte im Mai ein Gründungstreffen für eine "Anastasia"-Gruppe im Haslacher Stadtteiltreff stattgefunden – weil Kritiker den Stadtteiltreff über die Hintergründe der antisemitisch-verschwörungstheoretisch geltenden "Anastasia"-Bewegung informierten, wurde es abgesagt. Was steckt hinter der Bewegung, die sich auf die zehn "Anastasia"-Bände des russischen Autors Wladmir Megre bezieht? Darüber sprach Marius Hellwig von der Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung auf Einladung des Demokratiezentrums Freiburg an der Hebelschule.

In Deutschland gibt es 17 "Landsitze" von Mitgliedern – drei davon in Baden-Württemberg

Auf den ersten Blick könnten sie wirken wie linke Öko-Kommunen: Auf den "Landsitzen" der Anastasia-Bewegung leben Familien zusammen und bauen auf jeweils einem Hektar zur Selbstversorgung Bio-Gemüse an. In Russland, wo die Bücher von Wladmir Megre zwischen 1996 und 2010 zuerst erschienen, sind sie am meisten verbreitet. Doch auch in Deutschland gebe es derzeit 17 "Landsitze", drei davon in Baden-Württemberg, zwei in den Landkreisen Lörrach und Waldshut, berichtet Marius Hellwig.

Der Historiker und Islamwissenschaftler, der sich aus Angst vor rechtsextremen Übergriffen nicht mehr fotografieren lässt, stieß vor rund vier Jahren auf die Bewegung, als er über völkischen Rechtsextremismus im ländlichen Raum forschte. Inzwischen wird sie unter anderem vom Landesamt für Verfassungsschutz als völkisch, rassistisch und antisemitisch eingestuft.

In einem historischen Abriss zeigt Marius Hellwig, dass ökologisches und esoterisches Denken seit langem oft rechte Verknüpfungen hat: Von der "Rassenlehre" des Anthroposophen Rudolf Steiner bis zum SS-Funktionär und Reichsbauernminister Walter Darré, dem "Blut-und-Boden"-Autor Oswald Spengler und anderen bekannten Nationalsozialisten. Einige von ihnen blieben auch nach 1945 auf der Öko-Schiene, bilanziert Marius Hellwig: So wie Baldur Springmann, einst Mitglied der SS, der sich später auf biologisch-dynamische Landwirtschaft konzentrierte, 1980 Mitbegründer der Grünen und 1982 bei der ÖDP war – bei beiden Parteien blieb er aber nur kurz.

Stark geprägt von den üblichen antisemitischen Stereotypen

Marius Hellwig fasst zusammen, welche Aspekte der "Anastasia"-Bewegung als problematisch gelten: Die stark esoterisch geprägten Romane beziehen sich auf Verschwörungstheorien – die Welt sei beherrscht von "Dunkelmächten", der Rückzug auf die Familienlandsitze werde als Lösung aller Probleme angesehen. Die Bücher bezögen sich auf vermeintliche Gespräche zwischen dem Autor und einer blonden Frau namens Anastasia, einer allwissenden Märchenfigur, die isoliert in der Taiga lebe. Nach der "Anastasia"-Ideologie seien Kranke selbst schuld an ihren Krankheiten, weil sie falsch leben oder fühlen würden. Männer seien schöpferisch, Frauen nur die Musen des Mannes.

Dazu kommen antisemitische Inhalte: Da es seit mehr als einem Jahrtausend Pogrome gegen Juden gebe, sei davon auszugehen, dass "die" Juden selbst Schuld hätten, werde suggeriert. Juden seien wohlhabend und hätten die Kontrolle über Regierungen, Medien und Finanzen – die üblichen antisemitischen Stereotype. Die "Anastasia"-Bewegung sei sowohl mit den "Reichsbürgern" als auch bekannten Rechtsextremisten verknüpft, betont Marius Hellwig: Bei den jährlichen "Anastasia"-Festspielen, zu denen vor einem Jahr 500 Menschen kamen, sei unter anderem Sonnhild Sawallisch vom antisemitischen "Bund für Gotterkenntnis" aufgetreten, auf dem Landsitz in Grabow habe 2015 ein Sturmvogellager für Kinder aus rechtsextremen Familien stattgefunden.

Unter den rund 60 Menschen im Publikum ist die Frau, die im Mai die "Anastasia"-Gruppe gründen wollte. Sie ist um die 60, erzählt, dass sie alle zehn "Anastasia"-Bände je drei Mal gelesen habe. Sie verteidigt die "Anastasia"-Bewegung, die Rechtsextremen seien "nur schwarze Schafe". Sie hat ein paar Bekannte mitgebracht – bisher gebe es aber keine "Anastasia"-Gruppe in Freiburg, sagt sie.

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