Solar-Boom

Photovoltaik hat in Südbaden Industriegeschichte geschrieben

Bernward Janzing

Von Bernward Janzing

So, 04. Oktober 2020 um 16:39 Uhr

Südwest

Der Sonntag Vor 20 Jahren begann mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz der Aufstieg der Photovoltaik. Nach dem Niedergang der Solarindustrie keimt Hoffnung auf einen neuen Anlauf – allerdings nicht in Südbaden.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bescherte der Photovoltaik einen ungeahnten Boom. Nun ist es 20 Jahre alt und die ersten Anlagen fallen zum Jahresende aus der Förderung. Anlass, einen Blick auf dieses Gesetz zu werfen, das die Stromwirtschaft umgekrempelt und in Südbaden Industriegeschichte geschrieben hat.

Es war das schlichte Prinzip Supermarkt – man wollte unter einer Mark bleiben. Und so gewährte ab April 2000 das von der ersten rot-grünen Bundesregierung erlassene EEG für jede Kilowattstunde Solarstrom 99 Pfennig Einspeisevergütung. Zusammen mit einer Investitionsförderung über das 100.000-Dächer-Programm waren Photovoltaikanlagen damit erstmals wirtschaftlich zu betreiben.

Sturheit der Monopolisten

So revolutionär das EEG einerseits war, so sehr war es andererseits nur die Fortsetzung einer Historie, die 1991 begonnen hatte – mit dem Stromeinspeisungsgesetz der Regierung Kohl auf Druck der süddeutschen Wasserkraft-Szene. Diese nämlich sah sich schikaniert durch die Energiekonzerne, die sich oft nach Gutsherrenart weigerten, den Strom der Kleinerzeuger in ihr Netz aufzunehmen.

Die Sturheit der Monopolisten erlebten auch die Pioniere der Photovoltaik. Als 1986 auf der Ökostation im Freiburger Seepark mit einem Kilowatt die größte Anlage Süddeutschlands entstand, blieb sie eine sogenannte Inselanlage – es war verboten, den Strom einzuspeisen.

Neue Kraftquelle auf Firmendächern

Mit dem Gesetz von 1991 kam eine Abnahmeverpflichtung, und die galt für alle Erneuerbaren. Für Solarstrom gab es fortan rund 17 Pfennig je Kilowattstunde – nicht kostendeckend, aber doch eine kleine Sensation. So entstanden die ersten netzgekoppelten Solarstromanlagen in der Region. Die erste im Gebiet von Energiedienst wurde 1991 von einer Seniorin in Bad Säckingen gebaut – für mehr als 23.000 Mark pro Kilowatt.

Im selben Jahr noch, lange vor dem EEG, gab der kaufmännische Leiter einer florierenden Fertigbaufirma in der Region seinen Job auf, um sich dem Vertrieb von Solarstromanlagen zu widmen. Sein Name: Georg Salvamoser. Er belegte das SC-Stadion mit Modulen und etablierte die neue Kraftquelle auch auf Firmendächern. Fast zwei Drittel der Anlagenleistung in Freiburg gingen 1995 auf Initiative Salvamosers zurück. 1997 stieg er dann mit der Solar-Fabrik selbst in die Modulfertigung ein – und setzte damit noch vor dem EEG auf einen Solarboom.

EEG macht sich selbst überflüssig

Dieser kam dann mit Wucht und setzte jene Spirale in Gang, die der Gesetzgeber vor Augen hatte: Die zunehmende Modulfertigung führte zu sinkenden Preisen, die sinkenden Preise zu weiter steigender Nachfrage. Und so fort. Mit dem Resultat, dass heute die Kilowattstunde vom privaten Hausdach nur noch 8 bis 10 Cent kostet. Großanlagen kommen schon unter 4 Cent, in den Sonnengürteln der Erde gar unter 2 Cent. Billiger macht heute niemand Strom. Inzwischen kommen erste Photovoltaikanlagen ohne Förderung aus – das EEG hat begonnen, sich selbst überflüssig zu machen.

Entsprechend ging die PV-Kurve nach oben, in Südbaden wie in ganz Deutschland: 2011 überschritt Freiburg die 25-Megawatt-Marke, heute sind in der Stadt 2 555 Anlagen mit zusammen rund 46 Megawatt installiert. Am Netz von Energiedienst sind es fast 16 000 Anlagen mit gut 245 Megawatt.

Preisdruck war enorm

Zur ganzen EEG-Geschichte gehört auch, dass – während die PV-Branche boomte – die Fertigung aus Deutschland nach Asien abwanderte. Der Preisdruck von dort war enorm, und so musste die Solar-Fabrik 2015 Insolvenz anmelden. Zwei Jahre zuvor schon hatte das gleiche Schicksal die Solarstrom AG ereilt, ein Unternehmen, das Solaranlagen baute und betrieb – ebenfalls von Salvamoser gegründet. Den ostdeutschen Solarunternehmen erging es nicht besser.

Doch jetzt keimt wieder Hoffnung. Die deutsche Solarwirtschaft startet einen zweiten Anlauf – nicht mehr in Südbaden, sondern in Ostdeutschland, aber dort immerhin auch mit südbadischer Technik. Einer von mehreren jungen Hoffnungsträgern ist die Firma Nexwafe, eine Ausgründung aus dem Freiburger ISE. Sie will in Bitterfeld ab 2022 auf eine neue Art Siliziumwafer für Solarzellen herstellen.

Zur regionalen Geschichte des EEG jedoch gehört neben dem PV-Boom und neben dem Auf und Ab der Solarindustrie auch die Erkenntnis, dass Baden-Württemberg bei den Erneuerbaren im bundesweiten Vergleich stetig zurückgefallen ist. Historisch waren im Ländle die Regenerativen stark: Die Wasserkraft bescherte dem Land in den 1980er Jahren einen erneuerbaren Anteil am Strommix von zehn bis zwölf Prozent – während Deutschland nur vier Prozent erreichte.

Mit dem EEG verlor Baden-Württemberg den Anschluss. Im Norden begann der Ausbau der Windkraft und so fiel der Südwesten erstmals im Jahr 2003 hinter den Bundeswert zurück. Der Trend hält bis heute an: 2019 deckten die Erneuerbaren 42 Prozent des Verbrauchs bundesweit – hingegen nur knapp 26 Prozent hierzulande. Ursache ist die Windkraft, die im Bund fast 22 Prozent erreicht, im Land nur bescheidene 4,4 Prozent. Angepeilt hatte Stuttgart einst zehn Prozent bis 2020. Immerhin einen Hauch über dem Bundesmittelwert liegt das Land mit knapp neun Prozent Photovoltaik – was aber für ein Land mit weltweit führender Solarforschung und vielen Solarpionieren dann doch wieder wenig ist.